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Muskuläre Leistung: Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit welcher Anteil macht den Unterschied?

Elitenachwuchsspieler im Altersvergleich

Talentförderung
Medizin & Athletik
Robin Hack dribbelt mit dem Ball © 2019 Getty Images
    • Konditionelle Leistungsmerkmale, die mit Schnellkraftleistungen verbunden sind (z. B. Sprints und Sprünge), verbessern sich im Verlauf der analysierten Altersklassen.
    • Die aerobe Ausdauerleistung blieb hingegen über die Altersklassen hinweg konstant.
    • Startelfspieler der U 21 zeigten höhere Leistungen bei schnellkraft-assoziierten Tests als gleichaltrige Einwechselspieler.
    • Insbesondere die kraft- und schnelligkeitsorientierte muskuläre Leistungsfähigkeit sollte im fußballspezifischen Training, der Diagnostik und der Talentauswahl von Nachwuchsspielern Berücksichtigung finden.  
Abstract

Die Studie vergleicht konditionelle Leistungsmerkmale und körperbauliche Eigenschaften deutscher Elitenachwuchsspieler über verschiedene Altersklassen (U 17 bis U 21) hinweg. Während Ausdauer-assoziierte Fähigkeiten mit zunehmendem Alter konstant bleiben, verbessert sich die schnelligkeits- und kraftorientierte muskuläre Leistungsfähigkeit. Innerhalb einer Altersklasse zeigte sich außerdem, dass die Startelfspieler den Einwechselspielern (schnell)kräftemäßig überlegen sind.

Explosivität und Intensität – steigende Anforderungen im Hochleistungsfußball

Der moderne Hochleistungsfußball entwickelt sich zu einem immer intensiveren Spiel, das hohe konditionelle Anforderungen an die Spieler stellt. Die Strecke beispielsweise, die Profifußballer der englischen Premier League im hochintensiven Sprint (ab 20 km/h) zurücklegen, stieg in den vergangen zehn Jahren um bis zu 35 Prozent an [1]. Generell absolvieren Profis in Wettspielen ungefähr alle 60 bis 90 Sekunden für zwei bis drei Sekunden eine hochintensive Aktion. Das kann der Sprint des Abwehrspielers sein, um im letzten Moment den Ball vom Fuß des Gegners zu spitzeln oder der hochintensive Lauf des Offensivspielers in den gegnerischen Strafraum, um ein Tor zu erzielen. In jedem Fall spielen derartige hochintensive Aktionen eine entscheidende Rolle für den Ausgang von Fußballspielen [2, 3].

Natürlich sind Spieler aller Altersklassen gefordert, die stetig steigenden Intensitäten „mitzugehen“. Junge Spieler leisten in Wettspielen indes durchschnittlich mehr hochintensive Aktionen als ältere Spieler (U 13 > U 14 > U 16 > U 18 > U 17) [14]. Nicht nur darum ist ein regelmäßiges Monitoring der anthropometrischen Daten und der Kennzahlen konditioneller Leistungsfähigkeit von Nachwuchsspielern nützlich. Mit Hilfe der Daten lässt sich der Trainingsplan derart optimieren, dass die Nachwuchsspieler je nach individuellen Erfordernissen früh in ihrer Laufbahn gezielt gefördert werden [4]. Auch für die Talentauswahl sind Angaben zur Anthropometrie und zur physischen Leistungsfähigkeit der Spieler von Bedeutung.

Elitenachwuchsspieler im Fokus

Gerade die Zeitspanne von der U 17 bis zur U 21 ist häufig entscheidend für den weiteren Karriereweg junger Spieler [5]. Ein Forscherteam – um Matthias W. Hoppe – der Universitäten Leipzig und Wuppertal hat darum untersucht, welche Unterschiede Spieler dieser Altersklassen hinsichtlich Anthropometrie und physischer Leistungsgrößen aufweisen. Mit einem weiteren Vergleich zwischen den Startelfspielern und Einwechselspielern aus diesen Jahrgängen wollten die Sportwissenschaftler außerdem überprüfen, ob sich der zusätzliche Trainingsimpuls, der sich durch den Einsatz in Wettspielen ergibt, in den erhobenen Daten niederschlägt. 

Vermessung von Körper und Leistung

Die 92 Elitenachwuchsspieler, die an der Studie teilnahmen, spielten entweder in der deutschen A- und B-Junioren Bundesliga oder stammten aus (Profi-)Mannschaften der 1. bis 4. Deutschen Liga. Je nach Alter und Einsatzzeiten in den Wettspielen wurden die Nachwuchsspieler zunächst den Altersklassen U 17 – U 21 zugeordnet und innerhalb der Altersklassen in die Kategorien Startelfspieler bzw. Einwechselspieler eingeteilt. Alle Spieler führten unter standardisierten Bedingungen eine Reihe von physischen Leistungstests durch:

  • Laufbandtest à Ermittlung der aeroben Ausdauerfähigkeit (u. a. Vo2max),  
  • Sprungtests (Squat-Jump & Counter-Movement-Jump) à Ermittlung exzentrisch-konzentrischer Muskelkraft der unteren Extremitäten,
  • Sprinttest (linear 30 Meter) à Ermittlung der Schnelligkeitsleistung
  • Kraft-Ausdauertests des Rumpfs à Ermittlung der Ausdauer von Bauch- und Rückenmuskulatur,
  • Bankdrücken (Langhantel) à Ermittlung der Kraftfähigkeit des Oberkörpers.

Alle Spieler wurden zudem vermessen (Größe, Gewicht) und einer bioelektrischen Impedanzanalyse unterzogen, um den jeweiligen Körperfettanteil sowie den Anteil der fettfreien Masse zu ermitteln.

Abb. 01: Altersklassenvergleich (U 17 - U 21) der getesteten Leistungsmerkmale
Abb. 01: Altersklassenvergleich (U 17 - U 21) der getesteten Leistungsmerkmale
Mehr muskuläre Leistung bei älteren Junioren

Die sportartspezifische muskuläre Leistungsfähigkeit ergibt sich aus den jeweiligen Anteilen der Kraft-, Ausdauer- und Schnelligkeitsfähigkeit. Im Altersklassen-Vergleich der Spieler von der U 17 bis zur U 21 stiegen Parameter mit zunehmenden Alter an, die insbesondere auf die kraft- und schnelligkeitsorientierte muskuläre Leistungsfähigkeit zurückzuführen sind:  

  • Anteil der fettfreien Masse,
  • Sprunghöhe,
  • Einwiederholungsmaximum (1RM) beim Bankdrücken,
  • Sprintleistung (vgl. ABB. 01).  

Eine Erklärung für den Anstieg dieser Parameter sehen die Forscher darin, dass Muskelmasse und neuromuskuläre Kontrolle während des natürlichen körperlichen Reifungsprozesses durch die vermehrte Bildung von Testosteron- und Wachstumshormonen sowie durch eine verstärkte Myelinisierung der Nervenbahnen zunehmen [6]. Neben diesen natürlichen Wachstumsprozessen könnte auch regelmäßiges Training und die Teilnahme an Wettspielen zu einer Verbesserung der neuromuskulären Fähigkeiten führen [4, 7]. 

Kräfte-Ungleichgewicht zwischen Startelfspielern und Einwechselspielern

Dass Trainingsstimuli durch das Training selbst und durch regelmäßige Wettspieleinsätze einen nicht unbedeutenden Effekt auf die vorgenannten Parameter haben, zeigt sich in einem weiteren auffälligen Studienbefund: Die Startelfspieler aus der U 21 wiesen im Vergleich zu ihren Altersgenossen mit geringerer Wettspieleinsatzzeit einen höheren Anteil der fettfreien Masse, ein höheres Einwiederholungsmaximum beim Bankdrücken sowie bessere Sprintleistungen auf. Das „Kräfte-Ungleichgewicht“ zwischen Startelf- und Einwechselspielern wird von den Ergebnissen früherer Studien untermauert [7, 8]. Zum Beispiel absolvieren Startelfspieler in der englischen Premier League durchschnittlich mehr hochintensive Aktionen pro Trainings- und Wettspieleinsatzminuten als Einwechselspieler [9]. 

Kriterium Schnellkraft bedeutsamer als Kriterium Ausdauer?

Während die schnelligkeits- und kraftorientierte muskuläre Leistungsfähigkeit von der U 17 an bis zur U 21 anstieg, blieben die Parameter, die stärker auf die Ausdauer ausgerichtet sind (Kraftausdauer Rumpf, aerobe Ausdauerleistung), über die Altersklassen hinweg weitgehend konstant. Dieses Ergebnis passt zu der Beobachtung anderer Studien, dass sich die aerobe Ausdauerleistungsfähigkeit bei spanischen und norwegischen Elitenachwuchsspielern über zehn Jahre hinweg kaum verändert hat und als Kriterium bei der weiteren Karriere keine entscheidende Rolle spielte [10, 11]. Im Gegensatz dazu sind schnellkraft-basierte Fähigkeiten in den meisten Fällen spielentscheidend: Rund zwei Dritteln aller Tore in Wettspielen gehen Sprints und/oder Sprünge voraus [12]. Generell zählt das Produkt aus Kraft und Geschwindigkeit (engl. „power“) bei Profispielern zu den wichtigsten muskulären Leistungen [3]. 

Es ist denkbar, dass Trainer im Elitenachwuchsbereich vorzugsweise schnellkräftigere Spieler für Wettkämpfe nominieren [8]. Trifft dies zu, würden die U 21-Elitenachwuchsspieler mit besseren muskulären Leistungen unter Umständen eher ausgewählt und die Möglichkeit erhalten, sich auf professionellem Level zu beweisen. Umgekehrt würden dann gerade wieder diese Spieler mit längeren Einsatzzeiten aufgrund der zusätzlichen Anpassungsstimuli durch die Wettbewerbe körperlich profitieren [7, 13]. 

Anregungen für die Praxis

Die Sportwissenschaftler leiten aus dem Studienergebnis folgende praktische Anregungen für das Training von Elitenachwuchsspielern (U 17 – U 21) ab: 

  • Relevanz von Trainingseinheiten, die Schnellkraft-assoziierte Fähigkeiten schulen.
  • Dazu zählen z. B. Sprinttrainings, plyometrische Workouts oder Übungen zur Steigerung der Effizienz des Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus bei fußballspezifischen Bewegungsmustern.
  • Steuerung des Trainingsreizes für Einwechselspieler im Spielersatztraining.  

Die Inhalte basieren auf der Studie "Contrary to endurance, power associated capacities differ between different aged andstarting-nonstarting elite junior soccer players", die 2020 von Matthias W. Hoppe in „PLoS ONE " veröffentlicht wurde. 

Literatur

  1. Hoppe MW, Barnics V, Freiwald J, Baumgart C (2020) Contrary to endurance, power associated capacities differ between different aged and starting-nonstarting elite junior soccer players. PLoS ONE 15(4): e0232118.
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    1. Barnes C, Archer D, Hogg B, Bush M, Bradley P. The evolution of physical and technical performance parameters in the English Premier League. Int J Sports Med. 2014; 35(13):1095–100.

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    2. Bradley PS, Ade JD. Are current physical match performance metrics in elite soccer fit for purpose or is the adoption of an integrated approach needed? Int J Sports Physiol Perform. 2018; 13(5):656–64.

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    3. Haugen TA, Tønnessen E, Seiler S. Anaerobic performance testing of professional soccer players 1995–2010. Int J Sports Physiol Perform 2013; 8(2):148–56.

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    4. Reilly T, Williams AM, Nevill A, Franks A. A multidisciplinary approach to talent identification in soccer. J Sports Sci. 2000; 18(9):695–702.

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    5. Vaeyens R, Coutts A, Philippaerts RM. Evaluation of the “under-21 rule”: do young adult soccer players benefit? J Sports Sci. 2005; 23(10):1003–12.

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    6. Kenney WL, Wilmore JH, Costill DL. Physiology of sport and exercise. 6 ed. Champaign, IL: Human Kinetics; 2015.

    7. Sporis G, Jovanovic M, Omrcen D, Matkovic B. Can the official soccer game be considered the most important contribution to player’s physical fitness level? J Sports Med Phys Fitness. 2011; 51(3):374– 80.

    8. Gravina L, Gil SM, Ruiz F, Zubero J, Gil J, Irazusta J. Anthropometric and physiological differences between first team and reserve soccer players aged 10–14 years at the beginning and end of the sea- son. J Strength Cond Res. 2008; 22(4):1308–14.

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    9. Anderson L, Orme P, Michele RD, Close GL, Milsom J, Morgans R, et al. Quantification of seasonal- long physical load in soccer players with different starting status from the English Premier League: impli- cations for maintaining squad physical fitness. Int J Sports Physiol Perform. 2016; 11(8):1038–46.

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    10. Tønnessen E, Hem E, Leirstein S, Haugen T, Seiler S. Maximal aerobic power characteristics of male professional soccer players, 1989–2012. Int J Sports Physiol Perform. 2013; 8(3):323–9.

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    11. Castillo D, Los AA, Martinez-Santos R. Aerobic endurance performance does not determine the profes- sional career of elite youth soccer players. J Sports Med Phys Fitness. 2018; 58(4):392–8.

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    12. Faude O, Koch T, Meyer T. Straight sprinting is the most frequent action in goal situations in profes- sional football. J Sports Sci. 2012; 30(7):625–31. Epub 2012/03/08.

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    13. Morgans R, Di Michele R, Drust B. Soccer match play as an important component of the power-training stimulus in premier league players. Int J Sports Physiol Perform. 2018; 13(5):665–7.

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    14. Buchheit M, Mendez-villanueva A, Simpson BM, Bourdon PC. Repeated-sprint sequences during youth soccer matches. Int J Sports Med. 2010; 31(10):709–16. Epub 2010/07/10

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