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Sauerstofftherapie in Druckkammern

Hyperbare Sauerstofftherapie hilft nicht gegen Verstauchungen, Bänderverletzungen und Muskelkater

Medizin & Athletik
Ein Sportler bei der Sauerstofftherapie. Er bekommt dazu eine Maske aufgesetzt. (Photo by Martin Rose/Bongarts/Getty Images)
    • Reinen Sauerstoff in einer Druckkammer einzuatmen, hilft nicht bei stumpfen Verletzungen und gegen Muskelschmerzen nach dem Training.
    • Es gibt einige Risiken, die mit der Behandlung verbunden sind.
    • Insgesamt ist das Risiko laut Experten aber überschaubar.
    • Der Placeboeffekt kann bei der Anwendung von Bedeutung sein. 

Abstract

Eine Übersichtsstudie aus dem Jahr 2005 kommt zu dem Schluss, dass purer Sauerstoff, der in einer Druckkammer geatmet wird, nicht zur Heilung geschlossener Verletzungen oder zur Verbesserung von Muskelschmerzen nach intensivem Training beiträgt. Mit der Therapie sind einige Risiken verbunden. So können beispielsweise das Trommelfell oder die Lungen beschädigt werden oder es kann zu Krämpfen und Erbrechen kommen. Diese Effekte treten jedoch verhältnismäßig selten auf.

Ein hoffnungsvoller Anfang

Alles begann im Jahr 1993 mit einem kurzen Bericht in der Zeitschrift Physiotherapy [1]. Darin wurden schottische Fußballspieler mit diversen Verletzungen untersucht. Eine Gruppe, die zusätzlich zur physiotherapeutischen Behandlung reinen Sauerstoff in einer Druckkammer atmete, konnte wesentlich schneller wieder voll trainieren und spielen als die Kontrollgruppe. Diese Spieler waren nur physiotherapeutisch behandelt worden und brauchten mehr als drei Mal so lange, um wieder voll einsatzfähig zu sein (63 Tage mit Sauerstoff, 210 Tage ohne). Obwohl in der schottischen Studie keine Scheinbehandlung durchgeführt wurde und ein Placeboeffekt so nicht ausgeschlossen werden konnte, sollen anschließend viele Sportvereine weltweit Druckkammern angeschafft haben, um ihre Athleten zu behandeln. 

Die ernüchternde Wahrheit

Im Jahr 2005 untersuchte  Michael Bennett von der University of New South Wales mit Kollegen in einer Übersichtsstudie im renommierten Cochrane Database of Systematic Reviews [2], ob die Behandlung mit reinem Sauerstoff -die sogenannt hyperbare Sauerstofftherapie- tatsächlich bei Muskelschmerzen und geschlossenen Verletzungen (innerlich, nicht offen) helfen kann. Ihr Ergebnis: Keine Verbesserung von Schmerzen, Schwellungen, Funktionalität oder Erholungszeiten bei Verstauchungen und Verletzungen der Bänder. Keine Verbesserung der Muskelkraft bei der Regeneration.

Es zeigte sich sogar, dass die Behandlung mit reinem Sauerstoff nach ungewohnter Anstrengung stärkere Muskelschmerzen hervorrufen kann als Scheinbehandlungen, bei denen kein reiner Sauerstoff geatmet wurde. Michael Bennett sagt heute dazu jedoch: „Ich schätze das nicht als einen echten Effekt ein. Wenn bessere und größere Studien gemacht würden, würde sich wahrscheinlich keinerlei Unterschied zu einer Scheinbehandlung zeigen.“ 

Wenige und schlecht gemachte Studien

Insgesamt wurde die Studienlage zur hyperbaren Sauerstofftherapie bei geschlossenen Verletzungen dabei von Bennett als schlecht eingestuft. Es hätte wenige Studien gegeben und die vorhandenen wären methodisch teilweise fragwürdig.

Bennett und Kollegen durchsuchten im Jahr 2005 diverse Datenbanken nach klinischen Veröffentlichungen, in denen geschlossene Verletzungen und Muskelschmerzen nach intensivem Training mit der hyperbaren Sauerstofftherapie behandelt und diese Behandlung mit einer Scheinbehandlung verglichen wurden. Sie werteten dabei nur zwei Studien aus, die geschlossene Verletzungen betrachteten. Eine untersuchte Knöchelverstauchungen, die andere Verletzungen des Innenbandes am Knie. Weitere sieben Studien untersuchten die Wirkung der hyperbaren Sauerstofftherapie auf Muskelschmerzen nach ungewohntem Training.

Seither keine neuen Erkenntnisse

Auch habe sich in den vielen Jahren seit Veröffentlichung der Übersichtsstudie laut Bennett in der Forschung nicht viel getan. Tatsächlich finden sich außer einigen kleineren Fallstudien keine groß angelegten Studien, die für diesen Anwendungsbereich den Effekt der hyperbaren Sauerstofftherapie mit Scheinbehandlungen vergleichen und damit einen  Placeboeffekt, wie er vermutlich in der schottischen Studie von 1993 auftrat, ausschließen können. 

Verwunderlich ist dies freilich nicht, da Bennett und Kollegen in der Übersichtsstudie selbst zu dem Schluss kommen, dass eine weitere Untersuchung der hyperbaren Sauerstofftherapie für die Regeneration aufgrund ihrer Analysen wenig Sinn mache.

Mehr Sauerstoff ins Blut

Bei der hyperbaren (zu Deutsch: Hochdruck-) Sauerstofftherapie selbst wird reiner Sauerstoff bei einem erhöhten Druck, typischerweise für 60 bis 120 Minuten, ein bis zwei Mal täglich verabreicht. Normalerweise besteht Luft nur zu 21 Prozent aus Sauerstoff.

Der hohe Druck in den Kammern steigert dabei die Menge an Gas, die vom Blut aufgenommen werden kann. Einen ähnlichen Effekt kennen wir von Mineralwasserflaschen, in denen durch hohen Druck große Mengen an Kohlenstoffdioxid gelöst werden können, die beim Öffnen entweichen. Durch die Druckkammern können höhere Sauerstoffkonzentrationen im Blut erzielt werden. Diese größeren Mengen sollen den Stoffwechsel ankurbeln und gerade in schlecht durchbluteten Geweben den Heilungsprozess beschleunigen.

Wo die Therapie helfen kann

Obwohl dieser Effekt bei innerlichen Verletzungen offenbar nicht erzielt werden kann, gibt es Bereiche, bei denen die hyperbare Sauerstofftherapie potentiell helfen kann. Dazu zählen offene, über Monate nicht heilen wollende Wunden. „Die Forschung zeigt hier vielversprechende Ansätze“, sagt dazu Michael Bennett. In Deutschland wird sie beispielsweise beim diabetischen Fußsyndrom, aber auch bei Tauchunfällen und Hörstürzen eingesetzt.

Risiken der Behandlung

Wenngleich in den von Bennett und Kollegen überprüften Studien bei den Probanden keine Beeinträchtigungen durch die Therapie berichtet wurden, ist sie dennoch nicht ganz risikofrei. Durch den hohen Druck können Verletzungen des Trommelfells, der Nebenhöhlen und der Lungen auftreten. Vorübergehend kann sich Kurzsichtigkeit verschlechtern, Klaustrophobie kann auftreten, ebenso wie Krämpfe, Erbrechen oder Gefühlsstörungen. Die Therapie gilt deshalb in der Medizin generell als umstritten.

Einsatz im Profisport

Bennett jedoch sieht den Einsatz heute im Gegensatz zu den Empfehlungen in ihrer Studie nicht ganz so kritisch. „Wenn von den Spielern subjektiv eine Besserung empfunden wird und eine Kammer vorhanden ist, spricht nicht besonders viel gegen eine Behandlung“, sagt er. Die Risiken seien überschaubar und der rein psychologische Effekt offensichtlich enorm. Im Profisport würden darüber hinaus auch kleine Effekte häufig schon über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wunder könnten von der Therapie jedoch nicht erwartet werden.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Hyperbaric oxygen therapy for delayed onset muscle soreness and closed soft tissue injury.", die 2005 in "Cochrane Database Systematic Reviews" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Bennett, M., Best, T. M., Babul, S., Taunton, J., & Lepawsky, M. (2005). Hyperbaric oxygen therapy for delayed onset muscle soreness and closed soft tissue injury. Cochrane Database Syst Rev, 4, CD004713.

    Studie lesen
    1. James, P. B., Scott, B., & Allen, M. W. (1993). Hyperbaric oxygen therapy in sports injuries. PHYSIOTHERAPY-LONDON-, 79, 571-571.

    2. Bennett, M., Best, T. M., Babul, S., Taunton, J., & Lepawsky, M. (2005). Hyperbaric oxygen therapy for delayed onset muscle soreness and closed soft tissue injury. Cochrane Database Syst Rev, 4, CD004713.