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Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur gezielt vorbeugen

Was bringt das Nordic Hamstring Exercise-Programm?

Athletik
Medizin
Nordische Oberschenkelmuskelübung auf einer Palette im Fitnessstudio.
    • Das Nordic Hamstring Exercise-Programm kann akute Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur um 50–70 % reduzieren und senkt die Wiederverletzungsrate um 86 %.
    • Mannschaften, die die Übungen in ihr Mannschaftstraining integrieren, verzeichnen deutlich weniger und weniger schwere Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur sowie geringere Wiederverletzungsquoten als Mannschaften, die das Programm nur bei einzelnen Spielern mit einer vormals erlittenen oder akuten Oberschenkelverletzung anwenden.
    • Regelmäßig in das Mannschaftstraining eingebunden, sanken die verletzungsbedingten Ausfallzeiten pro Mannschaft und Saison im Durchschnitt um 100 Tage.
    • Noch findet das Präventionsprogramm keine breite Anwendung im europäischen Profifußball.
Abstract

Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur (engl. Hamstrings) zählen zu den häufigsten Verletzungen in laufbasierten Sportarten. Das Nordic Hamstring Exercise-Programm soll vorbeugend helfen, das Verletzungsrisiko zu senken. Im Rahmen der UEFA Elite Club Injury Study sind 17 europäische Spitzenvereine befragt worden, ob sie das Präventionsprogramm anwenden und mit welchen Erfolgen. Das Ergebnis: Noch ist das Programm im Profifußball wenig verbreitet. Wo es im Mannschaftstraining regelmäßig eingebaut wird, sinken Verletzungsraten und Ausfallzeiten erheblich.

Ein hohes Risiko: Verletzungen der Hamstrings

Schnelle Lauf-, Sprung- und Tretbewegungen mit kurzen Bodenkontaktzeiten gefährden vor allem die ischiocrurale Muskulatur (engl. Hamstrings). Bei detaillierter Betrachtung der zugrundeliegenden Verletzungsmechanismen konnten insbesondere „sprint-related“ und „stretch-related“ Muster identifiziert werden. Zu den Hamstrings gehören die drei auf der Rückseite des Oberschenkels für Hüftstreckung und Kniebeugung verantwortlichen Muskeln M. biceps femoris, M. semitendinosus und M. semimembranosus. Die Verletzungsrate dieser Muskelgruppe ist in den letzten Jahren im Profifußball deutlich gestiegen, wie die Elite Club Injury Study der UEFA zeigt: Knapp ein Viertel (24 %) aller Verletzungen betreffen die hintere Oberschenkelmuskulatur. Die Ausfallzeiten haben sich in den letzten 21 Spielzeiten von 2001 bis 2022 verdoppelt und auch der Schweregrad ist deutlich angestiegen [1].

Jeder fünfte Spieler verletzt sich während einer Saison mindestens einmal an den Muskeln des hinteren Oberschenkels. Eine Mannschaft mit einem Kader von 25 Spielern muss in der Regel mit sechs bis sieben Hamstringverletzungen pro Saison rechnen [2]. Hoch ist auch die Wiederverletzungsrate mit 13−18 % innerhalb derselben Saison [3].

Die Hamstrings und das vordere Kreuzband 

Da die Hamstrings am Schienbein (Tibia) ansetzten und dadurch das Tibiaplateau (Kniegelenkanteile des Unterschenkelknochens) gegenüber den Femurkondylen (Kniegelenkanteil des Oberschenkelknochens) nach hinten ziehen, unterstützen sie das vordere Kreuzband in seiner Funktion. Hierdurch kommt ihnen eine entscheidende Rolle bei der Stabilisierung des Kniegelenks zu. Beim Fußballspielen wird allerdings primär die Muskulatur der Oberschenkelvorderseite beansprucht, sodass bei Fußballer*innen häufig ein Kräfteungleichgewicht (muskuläre Dysbalance) zwischen Oberschenkelvorder- und rückseite zu beobachten ist. Folglich stellen diese Dysbalancen einen Risikofaktor für Verletzungen des Kniegelenks und insbesondere des vorderen Kreuzbandes dar und sollten durch ein gezieltes Krafttraining für die Hamstrings behoben werden.

Die Nordic Hamstring Exercise

Aufgrund der Verletzungshäufigkeit und der relativ hohen Gesamtausfallzeit haben Sportmediziner die Vorbeugung von Hamstringverletzungen in den letzten Jahren zunehmend beforscht. Besonders erfolgversprechend: das Nordic Hamstring Exercise (NHE)-Programm

  • Die Präventionsübung wird kniend mit gestreckter Hüfte ausgeführt, während die Unterschenkel an den Knöcheln fixiert werden. Der Oberkörper wird unter Anspannung der Muskulatur langsam so weit in einer Geraden von Knie bis Kopf nach vorne absinken gelassen, bis dies nicht mehr kontrolliert möglich ist und der Oberkörper mit den Händen abgefangen werden muss. Fortgeschrittene bringen den Oberkörper genauso wieder in die Ausgangslage zurück.
  • Studien zufolge sind 2-3 Sätze à 4-6 Wiederholungen ausreichend, um präventive Effekte zu erreichen [4]. Das komplette NHE-Programm beginnt mit einem 10-wöchigen progressiven Übungsplan, gefolgt von einem wöchentlichen Erhaltungstraining während der restlichen Saison.

Reviews und Metaanalysen bescheinigen dem Präventionsprogramm eine Reduktion der Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur von 50−70 %, wenn es regelmäßig in das Training eingebunden wird. Die Wiederverletzungsrate werde so um 86 % gesenkt [5, 6].

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass die geschilderten Trainingsempfehlungen abhängig vom restlichen Trainingsplan sind. Wie bereits erwähnt, sollten muskuläre Dysbalancen unbedingt vermieden werden. Folglich muss der Streckerschlinge der unteren Extremität umso mehr Beachtung geschenkt werden, je mehr die Beugerschlinge trainiert wird. Darüber hinaus ist bei der Trainingssteuerung unbedingt das Prinzip des wirksamen Reizes zu beachten. Das heißt der Trainingsreiz muss über die Zeit hinweg kontinuierlich gesteigert werden, ansonsten finden keine Anpassungen mehr statt.

Das Präventionsprogramm in der Praxis 

Obgleich sich das NHE-Programm in klinischen Studien als hochwirksam erwiesen hat, gehört die Präventionsmaßnahme noch nicht zum Trainingsalltag. Das zeigt eine aktuelle Studie, die im Rahmen der Elite Club Injury Study der UEFA 17 europäische Vereine während der Saison 2020/2021 dazu befragt hat. Im Vergleich zu einer älteren Auswertung der Daten aus den Saisons 2012 bis 2014 stellten die Sportmediziner jetzt fest, dass die Akzeptanz und die Anwendung des NHE-Programms sogar noch schlechter ausfiel als vor sechs bis acht Jahren. 

Zwar gaben alle 17 befragten Vereine an, mit dem Programm vertraut zu sein. Doch nur eine Mannschaft gab an, es (das Programm) in ihr Mannschaftstraining integriert und während der Saison komplett durchgeführt zu haben. Vier Mannschaften setzten es im Mannschaftstraining nur teilweise um.

Elf der befragten Vereine wandten das Programm nur bei Spielern an, die eine Hamstringverletzung bereits erlitten hatten oder akut an der hinteren Oberschenkelmuskulatur verletzt waren. Eine Mannschaft hat das Programm gar nicht umgesetzt.

Weniger Verletzungen in Spielen bei NHE-Mannschaftstraining

Interessant ist der Vergleich der beiden Gruppen. Während die gemittelten Belastungsstunden in Training und Spiel in beiden Gruppen – NHE im Mannschaftstraining und NHE bei einzelnen betroffenen Spielern – fast identisch waren, war die mittlere Zahl der Hamstringverletzungen während des Trainings bei beiden Gruppen annähernd gleich, in Spielen aber bei der Mannschaftstrainingsgruppe deutlich niedriger. Es gab im Durchschnitt weniger als halb so viele Verletzungen der hinteren Oberschenkelmuskulatur bei Mannschaften, die das NHE-Programm im Mannschaftstraining integriert hatten, als bei Mannschaften, die das Programm nur mit einzelnen Spielern durchgeführt hatten (5 gegenüber 11 Verletzungen). Auch die Ausfallzeiten waren beim Mannschaftstraining um etwa ein Drittel kürzer im Vergleich zur Einzeltrainingsgruppe (12 gegenüber 35 Ausfalltagen pro 1 000 Stunden). Ebenso traten Wiederverletzungen in der Mannschaftstrainingsgruppe deutlich weniger auf als bei der Einzeltrainingsgruppe (Wiederverletzungsrate: 0,1 vs. 0,4).

Dass die Verletzungshäufigkeit in beiden Gruppen im Training – anders als im Spiel – annährend gleich ausfiel, hängt wahrscheinlich mit der unterschiedlichen Intensität der Belastungen im Training und in den Spielen zusammen, vermuten die Studienautoren. Während der Wettkampfsaison mit zwei oder mehr Pflichtspielen pro Woche sind die Trainingseinheiten dazwischen häufig eher regenerativ ausgerichtet, mit weniger hochintensiven Einheiten und damit einem entsprechend geringeren Verletzungsrisiko im Training.

Warum wird das NHE-Programm so schlecht angenommen?

Die Auswertung der Umfrage offenbart auch eine deutliche Diskrepanz zwischen der positiven Einstellung des medizinischen Personals zum NHE-Programm und der negativen Akzeptanz der Übungen bei Spielern und Trainern. Was sich sportmedizinisch erwiesenermaßen gut eignet, ist in der Praxis nicht immer einfach umsetzbar, argumentieren die Studienautoren. Die Gründe sind vielfältig: Volle Spielkalender, dicht getaktete Spiel- und Trainingspläne lassen nicht immer genügend Zeit für komplexe Präventionsprogramme. Auch sind Trainerstäbe nicht immer bereit, Trainingszeit für Präventionsprogramme aufzuwenden, die sich nicht gut in spielvorbereitende Trainingseinheiten einfügen lassen. Und schließlich klagte die Mehrheit der befragten Spieler, die das NHE-Programm absolviert haben, über störende Begleiterscheinungen wie Muskelkater oder Steifheit.

Weniger ist besser als nichts

Zwar lassen sich die Studienergebnisse nur schlecht verallgemeinern. Auch ist sich die Sportmedizin über die minimale wirksame Dosis des NHE-Programms jenseits klinischer Studien noch nicht einig [7]. Trotzdem kann auch ein modifiziertes NHE-Programm das Verletzungsrisiko senken und sich positiv auf die Einsatztauglichkeit von Spielern auswirken. Das schlussfolgern die Studienautoren aus ihrer Analyse der Daten aus der letzten Saison und den Umfrageergebnissen. Voraussetzung ist, dass das NHE-Programm in das Mannschaftstraining integriert ist, von allen oder den meisten Spieler absolviert wird und in erster Linie als Erhaltungsprogramm einmal pro Woche während der gesamten Saison eingesetzt wird.

Die Inhalte basieren auf der Studie „Still poorly adopted in male professional football: but teams that used the Nordic Hamstring Exercise in team training had fewer hamstring injuries – A retrospective survey of 17 teams of the UEFA Elite Club Injury Study during the 2020–2021 season“, die in „BMJ Open Sport and Exercise Medicine“ veröffentlicht wurde.

Weiterführende Links

    Literatur

    1. Ekstrand, J., Bengtsson, H., Walden, M., Davison, M., & Hagglund, M. (2022). Still poorly adopted in male professional football: but teams that used the Nordic Hamstring Exercise in team training had fewer hamstring injuries – A retrospective survey of 17 teams of the UEFA Elite Club Injury Study during the 2020–2021 season. BMJ Open Sport & Exercise Medicine, 8(3), e001368.
      Studie lesen
      1. Ekstrand, J., Bengtsson, H., Waldén, M., Davison, M., Khan, K. M., & Hägglund, M. (2022). Hamstring injury rates have increased during recent seasons and now constitute 24% of all injuries in men’s professional football: The UEFA Elite Club Injury Study from 2001/02 to 2021/22. British Journal of Sports Medicine, bjsports-2021-105407. Advance online publication.

      2. Ekstrand, J., Waldén, M., & Hägglund, M. (2016). Hamstring injuries have increased by 4% annually in men's professional football, since 2001: A 13-year longitudinal analysis of the UEFA Elite Club injury study. British Journal of Sports Medicine, 50(12), 731-737.

      3. Hägglund, M., Waldén, M., & Ekstrand, J. (2016). Injury recurrence is lower at the highest professional football level than at national and amateur levels: Does sports medicine and sports physiotherapy deliver? British Journal of Sports Medicine, 50(12), 751-758.

      4. Presland, J. D., Timmins, R. G., Bourne, M. N., Williams, M. D., & Opar, D. A. (2018). The effect of Nordic hamstring exercise training volume on biceps femoris long head architectural adaptation. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports, 28(7), 1775-1783.

      5. van Dyk, N., Behan, F. P., & Whiteley, R. (2019). Including the Nordic hamstring exercise in injury prevention programmes halves the rate of hamstring injuries: A systematic review and meta-analysis of 8459 athletes. British Journal of Sports Medicine, 53(21), 1362-1370.

      6. Biz, C., Nicoletti, P., Baldin, G., Bragazzi, N. L., Crimì, A., & Ruggieri, P. (2021). Hamstring strain injury (HSI) prevention in professional and semi-professional football teams: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(16), 8272.

      7. Bahr, R., Thorborg, K., & Ekstrand, J. (2015). Evidence-based hamstring injury prevention is not adopted by the majority of Champions League or Norwegian Premier League football teams: The Nordic hamstring survey. British Journal of Sports Medicine, 49(22), 1466-1471.