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Die Bedeutung von sozialen Faktoren für die Talententwicklung

Ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu sozialen Prädiktoren

Psychologie
Talentförderung
Das weibliche U-16 Nationalteam Deutschlands steht nach einem Spiel in einem Kreis zusammen. Alle Beteiligten haben den Arm um den Nebenmann gelegt und hören der sprechenden Spielerin zu. (Photo by Ricardo Nascimento/Getty Images)
    • Individuelle Entwicklung eines Talents ist ein dynamischer Prozess in relativer Offenheit, der von vielen verschiedenen Faktoren abhängt.
    • Große Vielfalt in der verwendeten Terminologie erschwert die Beschreibung und die Abgrenzung von Prädiktoren.
    • Unter den sozialen Prädiktoren werden vor allem die Stundenanzahl des sportlichen Trainings, die Trainer-Spieler-Beziehung, die elterliche Unterstützung und der Interessenskonflikt Schule diskutiert.
    • Die Auswirkungen von sozialen Prädiktoren auf die Leistungsentwicklung sind bisher noch nicht vollständig untersucht, insbesondere kulturelle und sozio-ökonomische Hintergründe.

Abstract

Sogenannte Prädiktoren sind Faktoren, anhand derer Trainer und Scouts versuchen voraussagen zu können, ob ein Fußballtalent den Sprung in den Profifußball schaffen könnte – oder es vielleicht doch nicht für die Elite reicht. Die sportliche Leistungsfähigkeit eines Nachwuchsspielers wird u. a. durch physische, physiologische, psychologische Faktoren, aber auch soziale Bedingungen beeinflusst. Wie diese sich entwickelt, ist nicht leicht zu prognostizieren. Eine weiterführende Literaturstudie hat jetzt den aktuellen Forschungsstand zu soziologischen Prädiktoren zusammengetragen und beleuchtet die Frage: Was können Trainingsumfang, die Beziehung zwischen Trainer und Spieler, die Unterstützung durch die Eltern und konkurrierende Ansprüche durch das Schulsystem über das potenzielle Höchstleistungsniveau eines jungen Spielers aussagen?

Wer hat das Zeug zum Profifußballer?

Die Nachwuchsarbeit in den leistungssportlich orientierten Fußballvereinen hat auch den Anspruch, unter den zahlreichen jungen Spielern die Talente zu entdecken, die es eines Tages zu sportlichen Höchstleitungen bringen und den Sprung in den professionellen Fußball schaffen können. Die Quoten derer, die sich in den Hochleistungsfußball spielen, ist gering: Von insgesamt 5.736 ehemaligen Nachwuchsspielern stehen aktuell 198 Spieler (3,5 Prozent) im Kader eines Vereins aus den Topligen in Deutschland, England, Spanien, Italien und Frankreich, wie eine Recherche der Sportredaktion der ARD jüngst ergeben hat [1]. Untersucht wurden alle früheren U 19-Spieler aus den Nachwuchsteams seit dem Jahr 2010/11.

Die Suche nach vielversprechenden Talenten ist eine Herausforderung für Trainer, Scouts und Vereine. Wie aber lässt sich bestmöglich voraussagen, ob ein junger Spieler das Potenzial hat, später in den Spitzenfußball aufzusteigen?

Das Vier-Dimensionen-Modell der Talententwicklung

Das Potenzial eines Nachwuchsspielers lässt sich nicht leicht prognostizieren, denn die individuelle Entwicklung eines Talents ist ein dynamischer Prozess in relativer Offenheit, der von vielen verschiedenen Faktoren abhängt. Die Wissenschaft im Feld der Talentforschung hat dazu verschiedene Modelle entwickelt, die diese Faktoren und deren Wirkungen auf die Leistungsentwicklung oder das potenzielle Höchstleistungsniveau beschreiben und systematisieren. Sie sollen helfen, den Entwicklungsweg eines Talents besser abzuschätzen. Die beschriebenen Faktoren, anhand derer die prognostische Aussage gemacht wird, werden als Prädiktoren bezeichnet. Als grundlegend für die Talentidentifikation und -entwicklung im Fußball gilt das Vier-Dimensionen-Modell der britischen Sportwissenschaftler Mark Williams und Thomas Reilly [2]. Es teilt die beeinflussenden Faktoren in vier Kategorien (Prädiktoren, s. Abb. 01).

Es werden die Prädiktoren der Talententwicklung "Physische Prädiktoren", "Physiologische Prädiktoren", "Soziologische Prädiktoren" und "Psychologische Prädiktoren und perzeptiv-kognitive Fähigkeiten" näher erläutert.

Seither haben Forschung und Trainingspraxis vor allem die physischen und physiologischen Prädiktoren für die Talentidentifikation und Talententwicklung im Fußball näher untersucht und operationalisiert. Karl Dodd und Timothy Newans (2018) haben zum Beispiel ein Test-Design vorgeschlagen, das die Fortschritte der physiologischen Leistungsfähigkeit eines jungen Spielers über seine Altersentwicklung hinweg erfasst und bewertet. Der Einfluss des sozialen Umfelds auf die Talententwicklung und die potenzielle Anwendbarkeit soziologischer Prädiktoren für die Talentidentifikation ist dagegen erst in jüngerer Zeit in den Blick genommen worden. Nicht zuletzt, weil ein Drop-Out vermieden werden soll und weil Fußballvereine durch neue Nachwuchsförderprogramme – z. B. wie der Elite Player Performance Plan (EPPP) der englischen Premier League – entsprechende organisatorische Ziele festschreiben. Die vorliegende Literaturstudie versucht deshalb die Forschung zu soziologischen Talentprädiktoren in der Nachwuchsentwicklung näher zu beleuchten und hat den aktuellen Wissensstand zusammengefasst und kritisch bewertet.

Zur Vorgehensweise

Aus der vorliegenden Fachliteratur wurden aus über 1.000 Studien 13 Untersuchungen in die Analyse einbezogen, die sich mit einem oder mehreren soziologischen Prädiktoren beschäftigen. Inhaltlich konzentrieren sich die Forschungsarbeiten auf folgende vier Faktoren:

  • Stundenanzahl des sportartspezifischen Trainings (n = 6),
  • Trainer-Spieler-Beziehung (n = 4),
  • Einfluss der Eltern (n = 2),
  • Bildung (n = 1).

Dass diese vier Faktoren in der wissenschaftlichen Literatur vorrangig behandelt wurden, lasse jedoch nicht den Schluss zu, dass überdies keine weiteren soziologischen Prädiktoren Einfluss auf die Leistungsentwicklung von Spielern im Kindes- und Jugendalter hätten, so die Studienautoren. Vielmehr weist hier die Forschungslage noch Lücken auf. So ist zum Beispiel der Einfluss des kulturellen sowie des sozio-ökonomischen Hintergrunds auf die Talententwicklung noch gänzlich unbeleuchtet.

Stundenanzahl des sportlichen Trainings als potenzieller Indikator für die Talententwicklung

Wieviel Zeit ein Nachwuchsspieler regelmäßig für ein sportliches Training verwendet, wird in allen ausgewerteten Studien als maßgebende Determinante für die Leistungsentwicklung von Fußballspielern von jungen Jahren bis ins Erwachsenenalter diskutiert. Manche behaupten gemäß der Theorie der 10.000 Trainingsstunden, Training sei alles und jeder könne – bei einem entsprechenden zeitlichen und inhaltlichen Trainingsumfang – höchstes Niveau in einer bestimmten Domäne erreichen [3]. In diesem Zusammenhang gibt es Ansätze, die eine frühe Spezialisierung (engl. early specialization) – je früher der erste Kontakt mit einer Sportart erfolge, in der später Höchstleistung erreicht werden soll, desto mehr Stunden an gezieltem Training kämen auf diese Weise zusammen – und Ansätze, die eine Vielseitigkeit und ein Variantenreichtum (engl. early diversification, auch über die eigene Sportart hinausgehend) verfolgen.

Die Studien zeigen, dass spätere Profispieler in jungen Jahren im Alter zwischen sechs und 12 bis zu 20 Prozent mehr fußballspezifisch trainierten [4] beziehungsweise doppelt so viel Zeit ins Fußballtraining investiert haben [5] als andere. Allerdings sind diese Angaben nicht ohne weiteres vergleichbar, weil die in den Studien verwendeten Begriffe wie Profifußballer, Elite- oder Topspieler und die beschriebenen Trainingsmaßnahmen (fußballspezifisches Training, spezifisches Training, fußballbezogenes Spielen, organisiertes Training) nicht näher definiert und womöglich nicht deckungsgleich sind.

Eine internationale Studie [6] zeigt, dass Kinder im weltweiten Durchschnitt mit knapp fünf Jahren mit dem Fußball spielen beginnen, knapp sieben Jahre alt sind, wenn sie in den vereinsorganisierten Fußball eintreten und mit 11,95 Jahren (+/- 2,56 Jahre) in das Training von Nachwuchsleistungszentren einsteigen. Deutliche Unterschiede von Land zu Land zeigen sich nicht nur hinsichtlich der investierten Trainingszeit, sondern auch bezüglich des Alters, mit dem junge Spieler in die Nachwuchsleistungszentren einsteigen: So starten junge Talente in Portugal schon vier Jahre früher als der Durchschnitt mit 8,30 Jahren (+/- 1,67 Jahre).

Was die Studienlage nicht abschießend klärt, ist die Frage, ob eine frühe Spezialisierung oder eine frühe Vielseitigkeit die Leistungsentwicklung auf dem Weg zum Profispieler positiv beeinflusst oder nicht.

Trainer-Spieler-Beziehung und strukturelle Faktoren

Das tägliche Miteinander im Verein, die zwischenmenschlichen Bezüge, die Organisation und die strategische Verankerung der Nachwuchsförderung in den Vereinen sind wichtige Faktoren, die sich auf den Weg von Nachwuchsspielern in den Profibereich auswirken. Zu den prominenten strukturellen Merkmalen gehört zum Beispiel, wie die Vereinsphilosophie ausgelegt ist, wieviel Raum der persönlichen neben der fußballerischen Entwicklung bleibt und wie hoch der finanzielle Anreiz in Vereinen angesehen wird, aus Nachwuchsspielern das Beste herauszuholen [7]. Daneben kommt es aber auch darauf an, wie Trainer und Mitarbeiter ihre Rollen sehen und Verantwortung wahrnehmen. Auch die Atmosphäre im Verein und die Nähe von Nachwuchs- und Profikadern beeinflussen den Karriereweg junger Talente: Wie gut Vereine in der Lage sind, Nachwuchsspieler während der Übergangsphase vom Nachwuchs- in den Profibereich zu begleiten und zu unterstützen, ist ein entscheidender Faktor [7]. 

Welchen Stellenwert nehmen Eltern in der Talententwicklung ein?

Obgleich sich die Sportwelt einig darüber ist, dass Eltern grundsätzlich einen wichtigen Einfluss auf die Karriereentwicklung von Nachwuchsspielern haben [8], gibt es kaum eingehende Studien dazu. Zwei der ausgewählten Studien [9, 10] haben das Elternverhalten näher beschrieben.
Die Erkenntnisse: Eltern durchlaufen ebenfalls einen Sozialisationsprozess während sie ihr Kind durch die Nachwuchsarbeit im Verein begleiten, der sie in ihrer Rolle als Eltern stärkt und der dazu führt, dass sie sich vermehrt in die elterliche Verantwortung genommen fühlen. Eltern sehen sich zudem stärker an das Vereinsleben gebunden. Beides führt dazu, dass Eltern emotional an Erfolg oder Misserfolg ihres Kindes insbesondere beim Übergang vom Nachwuchs in den Profibereich beteiligt sind. Für Trainer und Vereine bekommt der Umgang mit Eltern damit einen wichtigen Stellenwert: Eltern fordern eine realistische Einschätzung über die Erfolgschancen ihres Kindes ein [11] und wollen berücksichtigt werden [12]. Neben der Frage, wie Mütter in der immer noch Männer-dominierten Fußballwelt gezielter angesprochen werden können, ist auch die Etablierung gemeinsamer Werte und Erwartungen an die Talententwicklung im Umgang mit Eltern des Vereins sowie der Aufbau eines nachhaltigen Vertrauensverhältnisses zwischen Trainern und Eltern ein wichtiges Thema [10]. 

Bildung: Wie lassen sich Schulsystem und sportliches Engagement verbinden?

Sport oder Schule? Wer als Nachwuchstalent den Durchbruch schaffen will, muss sich diese Frage stellen. Was als Annahme gilt, hat die Studienanalyse näher beleuchtet. Die Autoren geben an, Hinweise gefunden zu haben, dass Trainer und Vereine einen hundertprozentigen Einsatz von ihren Nachwuchstalenten erwarten. Dieser Anspruch steht jedoch der zeitlichen Anforderung der Schule widersprüchlich gegenüber. Das dänische Bildungssystem scheint dagegen besonders flexibel, um mit konkurrierenden Interessen junger Sportler und den zeitlichen Anforderungen des Elitefußballs umzugehen, wie eine der ausgewählten Studien [13] zeigt. Die weiterführende Schule kann dort entzerrt und statt in zwei Jahren auf drei Jahre gestreckt werden, so dass sich fußballerisches Engagement und Schulbildung besser verbinden lassen – vergleichbar mit der Schulzeitstreckung an den Eliteschulen des Sports. Zu den soziologischen Faktoren, die die Talententwicklung maßgeblich beeinflussen, gehören vor allem der Zeitdruck, ein hohes Maß an Selbstdisziplin und ausreichend psychologische Unterstützung, um beiden Ansprüchen aus Sport und Schule gerecht werden zu können. Die Studienlage zeigt, dass junge Fußballspieler Schule häufig als notwendiges Übel, nachrangig zum Fußball betrachten, während Eltern den Erfolg in der Schule als wichtig erachten. Als extremes Beispiel werteten die Studienautoren Beobachtungen, nach denen junge Nachwuchstalente die weiterführende Schule abgebrochen haben, um sich ganz der Fußballkarriere zu verschreiben. Zu weiteren Einflussfaktoren gehören die Nähe zum Verein und entsprechende Fahrzeiten sowie die Beziehungen zu Freunden, die gerade im mittleren bis späten Teenageralter als wichtig erachtet werden und zu Interessenkonflikten führen können.

Fazit

Das Forschungsfeld der soziologischen Prädiktoren ist groß. Längst sind noch nicht alle Einflüsse des sozialen Umfelds auf die Talententwicklung tiefergehend untersucht und beschrieben. Die Literaturstudie legt jedoch nahe, dass die Talentsuche und Talententwicklung soziologische Faktoren nicht außer Acht lassen sollte, um Drop-Out Raten zu senken und potenziellen Talenten eine Chance zu geben. Dabei ist die Rolle des kulturellen sowie des sozio-ökonomischen Hintergrunds noch am wenigsten beleuchtet.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "A scoping review of the potential sociological predictors of talent in junior-elite football: 2000–2016. ", die 2018 im "Soccer & Society" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Reeves, M. J., McRobert, A. P., Littlewood, M. A., & Roberts, S. J. (2018). A scoping review of the potential sociological predictors of talent in junior-elite football: 2000–2016. Soccer & Society, 1-21.

    Studie lesen
    1. www.sportschau.de: Hype um junge Fußballer veröffentlicht am 14.11.2018

      Zur Webseite
    2. Williams AM, Reilly, T. Talent Identification and Development in Soccer. Journal of Sports Sciences 2000, 18, 9: 657–667

    3. Starkes JL, Ericsson KA. Expert performance in sports: Advances in research on sport expertise. (2003) Human Kinetics

    4. Haugaasen M, Tynke T, Geir J. From Childhood to Senior Professional Football: A Multi-Level Approach to Elite Youth Football Players’ Engagement in Football-Specific Activities. Psychology of Sport and Exercise (2014) 15, 4: 336–344

    5. Ford PR et al. The Role of Deliberate Practice and Play in Career Progression in Sport: The Early Engagement Hypothesis. High Ability Studies (2009) 20, 1: 65–75

    6. Ford PR et al. The Developmental Activities of Elite Soccer Players Aged under-16 Years from Brazil, England, France, Ghana, Mexico, Portugal and Sweden’. Journal of Sports Sciences (2012) 30, 15: 1653–166

    7. Morris R, et al. From Youth Team from Youth Team to First Team: An Investigation into the Transition Experiences of Young Professional Athletes in Soccer. Int Jour of Sport and Exercise Psychology (2016) 15: 523–539

    8. Richardson D, et al. Developing Support Mechanisms for Elite Young Players in a Professional Soccer Academy: Creative Reflections in Action Research. Europ Sport Man Quarterly (2004) 4, 4: 195–214

    9. Clarke, NJ, Harwood CH. Parenting Experiences in Elite Youth Football: A Phenomenological Study. Psych of Sport and Exercise (2014) 15, 5: 528–537

    10. Clarke et al. A Phenomenological Interpretation of the Parent–Child Relationship in Elite Youth Football. Sport, Exercise, and Performance Psychology (2016) 5, 2: 125–143

    11. Atkin AJ, et al. Critical Hours: Physical Activity and Sedentary Behavior of Adolescents after School. Pediatric Exercise Science (2008) 20, 4: 446–456

    12. Premier League. ‘Elite Player Performance Plan’. London, 2011

    13. Christensen MK, Sorensen JK. Sport or School? Dreams and Dilemmas for Talented Young Danish Football Players. Europ Phys Education Review (2009) 15, 1: 115–133