Spielanalyse

Vorwärtsverteidigen

Dynamische Ballgewinne erzielen, um das schnelle und zielgerichtete Umschaltspiel einzuleiten!

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  1. Thomas Stillitano

    Thomas Stillitano, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Chancen und Risiken des Vorwärtsverteidigens.

Beim Verteidigen ließ sich in den vergangenen Jahren eine Evolution beobachten: vom raum- und ballorientierten Torverteidigen hin zum aktiven und aggressiven auf Ballgewinn ausgerichteten Pressing. Das Vorwärtsverteidigen ist somit als zusätzlicher Defensivaspekt hinzugekommen – mit seinen Chancen und seinen Risiken.

Die Evolution des Verteidigens: Ballgewinne durch Nach-vorne-Verteidigen

Trainer wie Jürgen Klopp, Ralph Hasenhüttl, Ralf Rangnick und einige andere mehr haben das Defensivspiel in den vergangenen Jahren geprägt und weiterentwickelt. Ihre Teams stehen für aggressives Pressing in Verbindung mit einem blitzschnellen Umschaltspiel. Das Verteidigen hat dabei immer zum Ziel, Ballgewinne zu erzielen und eben nicht nur, Räume und Passwege zu schließen, um das Tor zu verteidigen. Agieren statt zu reagieren ist das Credo! Ein wichtiger Teilaspekt dieser Spielidee basiert auf dem Vorwärtsverteidigen. Hierbei geht es darum, Pässe aktiv zu attackieren, Gegenspieler frühzeitig unter Druck zu setzen und im besten Fall dynamische Ballgewinne aus der Bewegung heraus zu erzielen. Denn diese Dynamik soll folglich für die sich daran anschließende Umschaltsituation genutzt werden. Ein Vorteil, der dem Konter sofort Tempo verleiht und somit dem Gegner wenig Zeit lässt, in seine Organisation zu finden. Das Vorwärtsverteidigen ist ein Mittel, um den Druck auf den Ball und die Kompaktheit aufrechtzuerhalten wie dem Gegner Raum und Zeit zu nehmen – vor allem, wenn dieser versucht, Raumgewinn zu erzielen. Diese Art des Verteidigens stellt jedoch auch spezielle Anforderungen an die Spieler: Lauf- und Sprintbereitschaft sowie Schnelligkeit in athletischer Hinsicht, Antizipationsfähigkeit, Aggressivität, Gier und Entscheidungsschnelligkeit in mentaler sowie Zweikampfstärke, Stellungsspiel und Spielverständnis in taktischer Hinsicht.
Einige Prinzipien geben eine Orientierung für die Umsetzung des Vorwärtsverteidigens, dessen Grundlage ein gemeinsames und kompaktes Pressing aus der Organisation ist:

  • Pässe des Gegners antizipieren
  • Pässe attackieren, um mit dem Ball beim Gegner oder besser vor ihm zu sein
  • Den Zweikampf aktiv suchen (nicht anlaufen und stellen)
  • aggressive Zweikampfführung
  • Überspielte Mitspieler unterstützen den „Vorwärtsverteidiger“ (Überzahl in Ballnähe schaffen)
  • gegenseitiges Absichern des „Vorwärtsverteidigers“

    1. Der zentrale Mittelfeldspieler Bissouma passt zum Innenverteidiger Balogun und setzt sich in den Rücken der ersten gegnerischen Verteidigungslinie ab. Firmino läuft Balogun an, Milner antizipiert die Situation und ist bereits "auf dem Sprung" nach vorne.

    2. Balogun passt in die Tiefe zu Bissouma. Milner attackiert das Anspiel nach vorne.

    3. Milner geht aktiv und aggressiv in den Zweikampf. Der Ball landet bei Mané, der direkt zu Firmino weiterleitet, sodass der Konter von Beginn an eine hohe Geschwindigkeit hat.

    4. Firmino dribbelt an, Salah läuft so breit wie nötig in die Tiefe und erhält das Zuspiel auf Höhe der Abseitslinie.

    5. Salah schließt mit links direkt in die ballferne Ecke ab und verwertet zur 1:0-Führung.

    1. Der linke Innenverteidiger Kompany passt zum rechten Laporte, der mit dem Pass sofort von Elyounoussi angelaufen wird.

    2. Außenverteidiger Zinchenko bietet sich in der Halbspur an. Højberg antizipiert die Situation und verteidigt mit dem Pass von Laporte zu Zinchenko im Sprint nach vorne.

    3. Das Timing und die Geschwindigkeit, mit der Hojberg nach vorne verteidigt, ermöglichen es ihm, bereits vor dem gedachten Passempfänger Zinchenko den Ball dynamisch zu erobern und für die Umschaltaktion zu nutzen.

    4. Hojberg dribbelt in den Strafraum und verwertet zum 1:1-Ausgleich.

    1. Außenverteidiger Kimmich passt die Linie entlang zu Coman. Halstenberg attackiert das Anspiel nach vorne und kommt vor diesem an den Ball.

    2. Halstenberg nutzt die dynamische Balleroberung, um schnell und zielstrebig umzuschalten: Er passt zu Bruma und läuft anschließend in die Tiefe.

    3. Bruma lässt zu Kampl klatschen. Halstenberg sprintet in den Rücken der Abwehr.

    4. Kampl passt gegen die hochstehende letzte Abwehrreihe in den Lauf von Halstenberg, sodass eine gefährliche Umschaltsituation entsteht.

    1. Der rechte Innenverteidiger Cook spielt von Firmino im Rücken unter Druck gesetzt zu dem Außenspieler Ibe (nicht im Bild).

    2. Der linke Außenverteidiger Robertson verteidigt nach vorne, sodass Ibe nicht in Spielrichtung aufdrehen kann. Der zuvor überspielt Keïta unterstützt Robertson und doppelt nach hinten.

    3. Während Ibe die Linie entlang nach hinten dribbelt, setzen ihn sowohl Robertson als auch Keïta weiter unter Druck. Mané verstellt den Pass zu Smith. Keïta geht aktiv in den Zweikampf, wodurch der Ball bei Mané landet.

    4. Liverpool schaltet nun schnell und zielstrebig um: Mané lässt zu Robertson klatschen, während Wijnaldum den Raum im Rücken des Gegners erkennt und beläuft.

    5. Robertson passt in den Lauf des in die Tiefe startenden Wijnaldum, der anschließend mit einem Lupfer über den Torhüter hinweg das 2:0 erzielt.

    1. Der rechte Innenverteidiger Ramalho passt in die Tiefe zu Wolf.

    2. Upamecano antizpiert das Anspiel und verteidigt mit idealem Timing und Tempo nach vorne.

    3. Durch seinen Antritt, sein konsequentes Herausrücken sowie seine zuvor leicht versetzte Stellung zum Passempfänger gelingt es Upamecano, vor Wolf an den Ball zu kommen, wodurch ein schnelles Umschaltspiel mit mehreren Optionen möglich ist.

    1. Während Ben Arfa das Spiel mit einem Flugball auf die rechte Außenspur verlagern will, antizipiert Außenverteidiger Alves bereits dieses Vorhaben und schiebt vor.

    2. Alves attackiert mit dem Zuspiel mit hohen Tempo nach vorne und wird umgehend von Dagba abgesichert. Außenverteidiger Bensebaini versucht ebenfalls, den Ball zu erreichen.

    3. Alves erreicht den Ball zuerst und kann damit einen schnellen und zielgerichteten Konter einleiten.

    4. Alves passt zu Mbappé, der direkt zu Di María klatschen lässt. Neymar sprintet bereits auf der ballfernen Seite in die Tiefe.

    5. Di María passt in den Rücken der Abwehr zu Neymar, der den Konter zum 2:0 vollendet, indem er über den Torhüter lupft.

Die Dreierkette begünstigt das Vorwärtsverteidigen

In den vergangenen Jahren haben sich zunehmend Spielsysteme mit einer Dreierkette etabliert. Das Verteidigen in einer Grundordnung mit dann fünf Spielern in der letzten Abwehrreihe hat den Vorteil, dass mutiger und aggressiver nach vorne verteidigt werden kann. Denn auch wenn einer dieser Spieler herausrückt, egal ob in der Außen-, Halb- oder Zentrumsspur, befinden sich nach wie vor mindestens vier Verteidiger in der letzten Reihe – ein nicht zu unterschätzender mentaler und taktischer Vorteil. Dennoch müssen die Vorwärtsverteidiger aktiv abgesichert werden: Beim Nach-vorne-Verteidigen in der Außenspur muss die gesamte Kette durchschieben und in der Zentrums- bzw. Halbspur Abwehrdreiecke bilden.

    1. Luís dribbelt an und wird von Kanté angelaufen.

    2. Der rechte Halbverteidiger Azpilicueta verteidigt mit dem Pass von Luís zu Correa nach vorne. Die Fünferkette ermöglicht es, dass Chelsea in der letzten Abwehrreihe trotz alledem eine deutliche Überzahl hat.

    3. Azpilicueta geht aggressiv in den Zweikampf und kann den Ball direkt zu Kanté weiterleiten, der zu Bakayoko klatschen lässt.

    4. Der Konter nimmt nun über einen Pass zwischen Bakayoko und Kanté Fahrt auf. Letzterer hat viel Freiraum, in den er dribbelt.

    1. Walker passt zum Außenspieler Sterling (nicht im Bild).

    2. Der linke Außenverteidiger Alonso schiebt zum Ballführenden vor. Die übrige Fünferkette schiebt mit Tiefenstaffelung durch, sodass sich nach wie vor vier Verteidiger in der letzten Abwehrreihe befinden.

    3. Alonso kann deshalb aktiv den Zweikampf suchen und den Ball zwar nicht erobern, aber Sterling zum Rückpass zwingen.

Aber nicht alles ist Gold, was glänzt

Doch das Vorwärtsverteidigen hat neben seinen Vorteilen auch Nachteile. Denn das mutige und aggressive Herausrücken aus einer Abwehrreihe hat immer auch zur Folge, dass sich Räume im Rücken des jeweiligen „Vorwärtsverteidigers“ öffnen. Besonders in der letzten Abwehrreihe kann dies dazu führen, dass sich bei einer nicht konsequent geführten Zweikampfführung, einem verlorenen persönlichen Duell oder bei schnellem gegnerischen Kombinationsspiel mit wenigen Kontakten ein torgefährlicher Raum bespielt werden kann und der Gegner zu einer Torchance kommt.

    1. Der linken Innenverteidiger Thoelke passt zum entgegenstartenden Vorsager.

    2. Salzburgs linker Innenverteidiger Pongracic attackiert Vorsager mit dem Pass nach vorne, ohne Zugriff zu bekommen. Zudem sichert ihn der rechte Innenverteidiger Ramalho ihn nicht ab, sodass ein großer Freiraum im Rücken der Abwehr entsteht, den Schmidt beläuft und von Vorsager direkt angespielt wird.

    3. Schmidt gewinnt das Laufduell gegen Ramalho ...

    4. ... und erzielt den 1:1-Ausgleichstreffer.

    1. Agüero bietet sich kurz für ein Anspiel von Gündogan an. Bruma reagiert und schiebt an ihn heran, wodurch sich eine Schnittstelle in der letzten Abwehrreihe öffnet.

    2. Agüero lässt zu Gündogan klatschen. Sterling startet im Sprint in die Tiefe. Oczipka und Sané sichern nicht schnell genug ab, sodass ein zu großes Abwehrdreieck entsteht.

    3. Gündogan passt so präzise wie möglich und so scharf wie nötig in Sterlings Lauf.

    4. Zwar kann Sterling nach außen gedrängt werden, jedoch passt er mit der Hacke zum nachgestarteten Agüero, der zum 2:0 verwertet.

Ballgewinne als Maxime

Das Vorwärtsverteidigen ist ein essenzielles taktisches Mittel, um ein auf Ballgewinn ausgerichtetes Defensivkonzept umzusetzen. Die dafür notwendigen Voraussetzungen und Prinzipien gilt es unabhängig von der jeweiligen Pressingstrategie zu forcieren – immer unter Berücksichtigung der damit einhergehenden Risiken.

Meines Erachtens ist es der Fehler zu glauben, man könne das Spiel nur kontrollieren, wenn man den Ball hat. Dabei ist es oft genau andersherum!

Ralf Rangnick, Sportdirektor und Cheftrainer von RB Leipzig