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Botenstoffe mit Nebenwirkungen: Hormone und Verletzungen

Der weibliche Zyklus kann die Laxizität des vorderen Kreuzbands beeinflussen

Medizin & Athletik
Die Kapitänin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft Alexandra Popp im Zweikampf mit einer schwedischen Spielerin.
    • Risse an den vorderen Kreuzbändern sind bei Spielerinnen vier- bis sechsmal häufiger als bei Spielern. 
    • Änderungen im Hormonhaushalt können die Verletzungswahrscheinlichkeit erhöhen.
    • Insbesondere während des Eisprungs kann das vordere Kreuzband instabiler und damit anfällig für Verletzungen sein.
    • Derzeitiger Forschungsstand von schlechter methodischer Studienqualität getrübt. 
Abstract

Studien zeigen, dass der weibliche Zyklus die Wahrscheinlichkeit einer Verletzung beeinflussen kann. Hormone scheinen dazu beizutragen, dass sich die Laxizität (Instabilität) des vorderen Kreuzbands erhöht und damit das Risiko eines Risses steigt (bei 8 von 13 ausgewerteten Studien). Die größte Wahrscheinlichkeit eines Risses wird um den Zeitpunkt des Eisprungs eingeordnet. Wissenschaftler empfehlen, individuell zu prüfen, wie instabil das Kreuzband im Verlauf des Menstruationszyklus ist und die Durchführung von Verletzungspräventionsprogrammen.

Aus der Traum

Es ist das DFB-Pokal-Achtelfinale der Saison 18/19 der Frauen. Nicole Rolser läuft für den FC Bayern München auf. Gerade erst (September 2018) hat sie bei der Frauen-Nationalmannschaft debütiert, die WM im Sommer 2019 war fest im Terminkalender verbucht. Dann der Schock: Verletzung am linken Knie. Der Kreuzbandriss bedeutet nicht nur das Saisonaus für die langjährige Bayern-Spielerin. Auch der Traum von der WM-Teilnahme im Sommer ist damit ausgeträumt.

Hormone und Verletzungen

Frauen haben eine bis zu zehnfach höhere Wahrscheinlichkeit sich bei sportlichen Aktivitäten zu verletzen als Männer [1]. Dabei wird angenommen, dass neben anatomischen, biomechanischen und neuromuskulären Faktoren auch der weibliche Zyklus mit seinen wechselnden Konzentrationen von Hormonen im Körper einen Einfluss auf das Verletzungsgeschehen haben kann [2]. Beispielsweise können sich die weiblichen Geschlechtshormone auf die Eigenschaften des Bindegewebes auswirken und die Struktur von Bändern beeinflussen. Wissenschaftliche Studien untersuchen vor allem einen Zusammenhang des weiblichen Zyklus auf Risse des vorderen Kreuzbands. 

Das ewige Kreuzband

Tatsächlich treten gerade Kreuzbandrisse bei Fußballerinnen deutlich häufiger auf als bei ihren männlichen Kollegen. Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit dieser Verletzung bei Frauen vier- bis sechsfach so hoch wie bei Männern. Lesley Belanger und Kollegen haben im Jahr 2013 verschiedene Studien zur Zyklusabhängigkeit mit der Laxizität vorderer Kreuzbänder in einer Übersichtsstudie zusammengefasst [3]. Dabei fanden sie Hinweise darauf, dass der weibliche Zyklus tatsächlich beeinflusst, wie instabil die vorderen Kreuzbänder sind. Besonders um die Zeit des Eisprungs herum, wenn Hormone, wie beispielsweise das Östrogen, besonders hoch sind, scheinen bei vielen Frauen die Kreuzbänder instabiler und damit die Verletzungsgefahr besonders hoch zu sein. Allerdings gab es bei den Einzelstudien individuelle Unterschiede, ob und zu welchem Zeitpunkt im Zyklus sich die Laxizität der Bänder änderte.

Dreizehn ausgewertete Studien

Die Wissenschaftler verglichen in der Übersichtsarbeit 13 Studien, die den von ihnen gesetzten Kriterien entsprachen. In acht der 13 Studien zeigte sich, dass sich die Laxizität der Bänder mit dem Menstruationszyklus ändert. Während fünf Studien die risikoreichste Zeit in der Phase um den Eisprung verorteten, fanden die restlichen Studien instabilere Bänder in anderen Zyklusphasen. Die Autoren schließen, dass der Zeitpunkt für instabilere Bänder individuell von Frau zu Frau variieren kann. Zudem wurden auch in fünf der eingeschlossenen Studien keine signifikanten Unterschiede der Änderung der Stabilität des Kreuzbands während des Zyklus festgestellt.  Belanger und Kollegen geben zu bedenken, dass die Qualität der meisten Studien sehr schlecht war. Auch kritisieren sie den Vergleich von durchschnittlichen Frauen mit Profisportlerinnen, deren Zyklus häufig durch den Sport beeinflusst wird. 

Prävention ist alles

Die Autoren empfehlen Sportlerinnen individuell zu prüfen, in welcher Zyklusphase das eigene Kreuzband besonders instabil ist (z. B. mit einem Arthrometer) und dabei besonders auf die Zeit um den Eisprung zu achten. Bei der Beobachtung können Ärzte und das Führen eines Tagebuches helfen. Entsprechend sollten zu den fraglichen Zeiten Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, um Verletzungen zu verhindern. Unabhängig vom Zyklus empfehlen die Autoren, spezielle Trainingsprogramme zur Prävention von Verletzungen durchzuführen.

Die Inhalte basieren auf der Originalstudie "Anterior cruciate ligament laxity related to the menstrual cycle: an updated systematic review of the literature.", die 2013 im "The Journal of the Canadian Chiropractic Association" veröffentlicht wurde.

Literatur

  1. Belanger, L., Burt, D., Callaghan, J., Clifton, S., & Gleberzon, B. J. (2013). Anterior cruciate ligament laxity related to the menstrual cycle: an updated systematic review of the literature. The Journal of the Canadian Chiropractic Association, 57(1), 76.
    1. Murphy DF, Connolly DA, Beynnon BD. Risk factors for lower extremity injury: a review of the literature. Br J Sports Med 2003;37:13 – 29.

    2. Constantini NW, Dubnov G, Lebrun CM. The menstrual cycle and sport performance. Clin Sports Med. 2005;24(2):51–82.

    3. Belanger L, Burt D, Callaghan J, Clifton S, Gleberzon BJ. Anterior cruciate ligament laxity related to the menstrual cycle: an updated systematic review of the literature. J Can Chiropr Assoc. 2013;57(1):76–86.