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Keine Winterpause, mehr und schwerere Verletzungen

Ein Vergleich des Verletzungsgeschehens zwischen Ländern mit und Ländern ohne Winterpause

Medizin & Athletik
Lukas Nmecha (Germany) führt während des U 21-Länderspiels zwischen Deutschland und England einen Zweikampf mit Hamza Choudhury (England).
    • Das Fehlen einer Winterpause führt zu einer höheren Anzahl an verletzungsbedingten Ausfalltagen und zu mehr schwereren Verletzungen pro Saison.
    • Die Spielerverfügbarkeit am Spieltag zwischen Mannschaften mit und Mannschaften ohne Winterpause unterscheidet sich jedoch nicht. 
    • Ausgenommen von England betrug die durchschnittliche Dauer der Winterpause in europäischen Ligen 10 Tage.
    • Die Klimaregion beeinflusst die Spielerverfügbarkeit beim Training und Spieltag.
Abstract

Während es bis zur Saison 2019/20 in der englischen Premier League keine Winterpause gab, pausierten die anderen europäischen Teams in den Wintermonaten durchschnittlich 10 Tage. Welchen Einfluss jedoch das Fehlen einer Winterpause auf die Verletzungsrate hat, ist bislang noch ungeklärt. Ekstrand und Kollegen stellen nun in einer Studie fest, dass Profivereine in Ligen ohne Winterpause im Durchschnitt 303 verletzungsbedingte Ausfalltage pro Saison mehr beklagen müssen als Vereine mit Winterpause.

Polarität Winterpause

Erholung und Regeneration sind von großer Bedeutung, um das Verletzungsrisiko klein zu halten. Innerhalb der Wettkampfperiode stellt die hohe Anzahl an Wettkämpfen eine besondere Herausforderung an das Belastungs-Erholungs-Verhältnis. Eine Winterpause in ca. der Mitte der Saison hilft dabei, um sich von den Anstrengungen der Hinrunde zu erholen und sich auf die zweite Saisonhälfte vorzubereiten.

Während Trainer, Spieler und Sportmediziner die spielfreie Zeit zu schätzen wissen, sehen Ökonomen die Übergangsperiode in einem anderen Licht. Beispielsweise wurde die Winterpause in der Bundesliga in der Saison 2009/10 aus ökonomischen Gründen von 6,5 auf 3,5 Wochen reduziert [1]. In der englischen Premier League gab es bis zur aktuell laufenden Saison keine Unterbrechung des Spielbetriebs in den Wintermonaten. Eine Studie hat nun Daten erhoben, die auch Kritiker vom Nutzen der Winterpause überzeugen mögen. 

Jan Ekstrand und Kollegen konnten feststellen, dass Profivereine in Ligen ohne spielfreie Zeit im Winter durchschnittlich an 303 Tagen mehr pro Saison Spieler aufgrund von Verletzungen verlieren als Teams mit einer Winterpause. Auch sind die Verletzungen, die bei Teams ohne Auszeit auftreten, schwerer. In der Studie hatten diese Vereine im Schnitt über zwei schwere Verletzungen mehr pro Saison. Die durchschnittliche Verfügbarkeit der Spieler am Spieltag unterschied sich jedoch nicht signifikant zwischen Teams mit Winterpause und ohne. Dies liegt vermutlich daran, dass die Verfügbarkeit an Spieltagen nicht nur von Verletzungen, sondern auch von möglichen Sperren oder der Trainingsleistung abhängt. 

Nur englische Liga ohne Pause

Die Wissenschaftler verglichen dabei 56 Profivereine aus 15 europäischen Ländern über einen Zeitraum von sieben aufeinanderfolgenden Saisons (2010/11 bis 2016/17). Dabei hatten nur die 21 untersuchten Teams aus England gar keine Winterpause. Die Winterpause in den nationalen Ligen der anderen untersuchten Länder betrug im Mittel zehn Tage. Die analysierten Mannschaften aus Deutschland lagen mit 14 Tagen etwas über dem europäischen Durchschnitt (s. Abb. 01).

Ein Vergleich der durchschnittlichen Dauer der Winterpause in verschiedenen europäischen Ländern. Die Dauer ist in Tagen angegeben.

In dieser Studie wurden auch die klimatischen Bedingungen berücksichtigt, unter denen die Spieler trainierten und spielten. Insgesamt hatten die Spieler der Vereine aus nördlichen Klimaregionen eine höhere Verletzungshäufigkeit als Spieler in Südeuropa.

Erschöpfung als Verletzungsgrund?

Warum genau sich Spieler ohne Winterpause häufiger und schwerer verletzen, ist nicht endgültig geklärt. Eine naheliegende Vermutung ist, dass die Spieler durch die mangelnde Erholungszeit an Energie verlieren und sowohl mental als auch körperlich müde sind. Dies könnte zu einem höheren Anteil an verletzungsbedingten Ausfalltagen führen. Die Autoren geben jedoch an, dass sie in der vorliegenden Studie nicht die Erschöpfung gemessen haben.

Ekstrand und seine Kollegen spekulieren dagegen, ob eventuell auch die klimatischen Bedingungen oder andere Faktoren die Ergebnisse verursacht haben könnten. Da nur in England keine Winterpause durchgeführt wurde, könnten dort auch einfach insgesamt andere Bedingungen vorherrschen als in anderen Ländern.

Winterpause als Chance

Die Verkürzung der Winterpause in Deutschland hatte damals übrigens keinen Einfluss auf die Anzahl der Ausfalltage, die durch Verletzungen entstehen, insgesamt, wohl aber auf die Schwere der Verletzungen bei einzelnen Spielern [1]. Die Fans könnte das Wissen über die sogenannte Übergangsperiode hinwegtrösten, dass sie ihre Lieblingsspieler dafür auch den Rest der Saison noch fit auf dem Platz erleben können. Und auch in England hat man reagiert: In der Saison 2019/20 wird es erstmalig in der Premier League eine zweiwöchige Winterpause geben. Anders als zu jener in der Bundesliga wird diese jedoch im Februar stattfinden und zeitversetzt für die einzelnen Mannschaften sein. Der Spielbetrieb kommt dadurch nicht vollständig zum Erliegen [2].

Die Inhalte basieren auf der Studie "Elite football teams that do not have a winter break lose on average 303 player-days more per season to injuries than those teams that do: a comparison among 35 professional European teams”, die 2018 im "British Journal of Sports Medicine" veröffentlicht wurde.

Weiterführende Links

Literatur

  1. Ekstrand, J., Spreco, A., & Davison, M. (2019). Elite football teams that do not have a winter break lose on average 303 player-days more per season to injuries than those teams that do: a comparison among 35 professional European teams. British journal of sports medicine, bjsports-2018.
    1. aus der Fünten, K., Faude, O., Lensch, J., & Meyer, T. (2014). Injury characteristics in the German professional male soccer leagues after a shortened winter break. Journal of athletic training, 49(6), 786-793.

      Studie lesen
    2. Football Association Premier League Limited (2019, June 13). Mid-season player break set for February.

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