Talententwicklung

Individualisierung - Grundlagen

Individuelle Förderung bedeutet, Talente intensiv und persönlich zu begleiten

Individuelle Förderung bedeutet, Talente intensiv und persönlich zu begleiten

Die individuelle Förderung der Talente nimmt einen immer größeren Stellenwert ein, um zukünftigen Spitzenspieler*innen auf die immer komplexeren Anforderungen des internationalen Fußballs vorzubereiten. Sie umfasst dabei alle Bereiche einer ganzheitlichen Ausbildung und eine intensive persönliche Begleitung weit über das „grüne Viereck“ hinaus.

Um alle gerecht zu behandeln, muss ich jeden unterschiedlich behandeln.
Damir Dugandzic, Sportlicher Leiter DFB-Talantförderprogramm
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Definition des Begriffs „Individualisierung“

Bewusst oder unbewusst gestalten Trainer*innen die allermeisten Schwerpunkte, Inhalte und Abläufe rund um die Spieler*innen identisch und erwarten dennoch, dass sie jedem Spieler/jeder Spielerin dabei helfen, sich persönlich zu entwickeln und letztlich mannschaftlichen Erfolg zu bringen. Frei nach dem „Gießkannen-Prinzip“ hoffen sie, dass jeder schon das abbekommt, was er/sie benötigt.

Ein erster Ansatz, die Lerneffekte für jeden Spieler bzw. jede Spielerin zu steigern wird durch eine Verkleinerung der Trainingsgruppe erwartet und wird dann unter „Individualtraining“ verbucht. In der Praxis machen dann meistens dennoch alle Spieler*innen die gleichen Übungen und bekommen dieselben Hilfestellungen - nur eben nicht in der großen, sondern in der kleinen Gruppe.

Der Aspekt der „Individualisierung“ reicht aber weit über das Zahlenverhältnis zwischen Trainer*innen und Spieler*innen hinaus. Stattdessen umfasst die „Individualisierung“ eine Differenzierung und individualisierte Umsetzung in diesen Bereichen:

  • Umgang mit dem/der Spieler*in/Spieler*in-Trainer*in-Beziehung (Werte, religiöser/kultureller Hintergrund, Konfliktmanagement),
  • Organisation des Trainings (Vorbereitung, Steuerung, Nachbereitung) in Bezug auf den Einzelnen: klare Kriterien für die Gruppeneinteilung (Positionsgruppen, Stärken-Schwächen-Profil, RAE, Bio-Banding)
  • Coaching (in Spiel- und Übungsformen; Trainieren im Team)
  • Methodik und Didaktik

(Nach Damir Dugandzic, Johannes Ederer, Thomas Impekoven).

Was bedeutet Individualisierung im Fußball?

Jede Instanz erhebt für sich den Anspruch, der individuellen Förderung seiner Talente. Wie funktioniert es aber in der Praxis? Wie lässt es sich umsetzen? Dazu ist zunächst eine Begriffsklärung erforderlich.

Das individualisierte Training ist von Beginn an das sportliche Leitbild des DFB-Talentförderprogramms.  Jede Stützpunkt-Einheit soll exakt auf die spezifischen Stärken, aber auch Schwächen jedes einzelnen Talents abgestimmt sein und damit bestmögliche individuelle Lernfortschritte erzielen. Damir Dugandzic hat sich als Sportlicher Leiter des DFB-Projekts das Ziel gesetzt, zusammen mit den Koordinatoren und Stützpunkttrainer*innen in den über 1.000 bundesweiten Stützpunkten die Trainingsqualität unter dieser Prämisse weiter zu optimieren. Hier präsentiert er dazu Kernpunkte rund um die Ziele, Schwerpunkte und trainingspraktischen Modelle individualisierter Trainingsprozesse im Fußball.

    • Sportlicher Leiter des DFB-Talentförderprogramms seit 2018
    • 2007 – 2018 Stützpunktkoordinator
    • 2010 – 2016 im Trainerstab der U15-Nationalmannschaft
    • Fußball-Lehrer und Sportwissenschaftler

    • Es ist zwischen einem Individualtraining und einem individualisierten Training zu unterscheiden
    • Das Individualtraining beschreibt nur das Training in einer Klein- oder Kleinstgruppe (1 Trainer*in und 1,2 oder 3 Spieler*innen) – häufige Folge ist dabei das isolierte Training z.B. einer Technik oder Position
    • Ein individualisiertes Training dagegen beschreibt eine Einstellung gegenüber Spieler*innen: Je nach Situation, Lerntyp und Ausbildungsziel setzen Trainer*innen ganz unterschiedliche Methoden ein, um Talente individuell voranzubringen

Die „Personalisierung“ ist der erste Schritt innerhalb eines Praxis-Konzepts zum „Individualisierten Training“. Zentrale Frage ist dabei: Wer aus dem Trainer*innen- und Expert*innen-Stab mit speziellen Qualtäten und Kompetenzen ist für welchen Spieler bzw. für welche Spielerin zuständig?

    • Trainer*innen-Stäbe so zusammenstellen, dass sich die Qualitäten und Kompetenzen der einzelnen Akteur*innen optimal ergänzen!
    • Die Zuordnungen von Trainer*innen zu ausgesuchten Spieler*innen lässt sich zeitlich variabel bestimmen: von einer Trainingsform, über eine Trainingswoche bis hin zu noch längeren Ausbildungsblöcken
    • Eine alternative Vereinsstrategie kann sein: „Wir investieren nicht in hohe Ablösesummen für Spieler*innen, sondern primär in das Spezialist*innen-Team, das Perspektiv-Spieler*innen  hochkompetent weiterentwickelt!“

„Analyse und Abgleich“ sind der zweite Schritt: Eine Herausforderung ist eine fundierte qualitative Interpretation extrem großer Datenmengen von jedem Spieler/jeder Spielerin. Hinzu kommt das subjektive Expert*innen-Urteil der Coaches zu fast unmöglich Objektivierbarem wie Spielintelligenz, Kreativität, Persönlichkeit usw.

    • Ziel muss eine differenzierte, aussagekräftige Spieler*innen-Beurteilung aufgrund einer Kombination von objektiven und subjektiven Bewertungsfaktoren sein
    • Ein weiterer Schlüssel ist eine intensive Einbindung der Selbsteinschätzung der Spieler*innen über persönliche Stärken und Schwächen in der ersten Phase jedes Ausbildungs- und Trainingsprozesses – „Die Spieler*innen selbst haben eine enorme Expertise!“
    • Der logische Schritt ist dann der Abgleich zwischen dem aktuellen Trainer*innen-Urteil und der Auffassung der Spieler*innen, was sie können und was sie wollen! Das schafft Motivation, Identifikation und eine enge Trainer*innen-Spieler*innen-Beziehung für anschließende Trainings- und Lernprozesse. So eine spieler*innenzentrierte und individualisierte Praxis in Ausbildungsblöcken dominiert das Stützpunkttraining im DFB-Talentförderprogramm!

Ein effizientes „spieler*innenzentriertes Coaching" hat zu beachten: Welcher Schwerpunkt wird trainiert? Welche Methodik wird eingesetzt? Und nicht zuletzt: Wie erreiche ich die jeweiligen Spieler*innen? Wie „ticken“ sie jede(r) für sich? Welcher Kommunikations- und Informationskanal ist für sie besonders geeignet?

    • Eine spezielle Variante ist das „eingebettete Coaching“: Hier stimmt sich das Trainer*innen-Team ab, wer jeweils ausgesuchte Spieler*innen in (durchaus) komplexen Spielformen individuell begleitet und ziel- und persönlichkeitsorientiert coacht.
    • Eine vorgeschaltete Spiel-Phase für ein anschließendes Individualtraining im Trainer*innen-Team ist ein weiteres Praxis-Modell: Hierbei analysieren und refelktieren die Trainer*innen, aber auch die Spieler*innen selbst auf Basis der Spielabläufe z.B. welche individualtechnischen und -taktischen Details noch nicht perfekt funktionieren und im individuellen Technik-Training nochmals isoliert und intensiv trainiert werden!
    • Ein hochökonomischer und innovativer Ansatz ist eine Eigenanalyse der Spieler*innen durch einen „medialen Lernbegleiter“. Hierbei werden bei der Technik-Schulung Bewegungsabläufe per Tablet oder Smartphone gefilmt und dann mit einer kurzen Zeitverzögerung für die einzelnen Spieler*innen nochmals abgespult. Die Talente können sich somit nochmals „live“ überprüfen. Aufforderungscharakter und Lernintensität pur!

Die Auswertungsphase ist gleichermaßen Schlusspunkt und erneuter Anfangspunkt des Regel-Kreislaufes individueller Trainingsmodelle. Also: Wurden aus Trainer*innen- und Spieler*innen-Sicht die ursprünglichen Ziele erreicht? Wo müssen wir möglicherweise nochmals ansetzen?

Nicht zu vergessen ist nicht zuletzt eine selbstkritische Eigen-Analyse der Trainer*innen: Habe ich im Ausbildungsprozess alles richtig gemacht? Wo sind meine Stärken und Schwächen? Wo kann ich mich persönlich weiter verbessern? Passe ich eigentlich optimal zu zugeteilten Spieler*innen?

    • Fazit I: Mit Spieler*innen nicht über Spieler*innen reden! Zusammen erreichbare, kurzfristige Ziele festlegen!
    • Fazit II: Klare Bezüge herstellen! Welcher Trainer/welche Trainerin ist für wen zuständig? Zu welchem Schwerpunkt, zu welchem Zeitpunkt und wie lange?
    • Fazit III: Eine spieler*innenorientierte und situative Mischung aus Individualtraining, Eigen-Analyse und Selbsttraining und eingebettetem Coaching in komplexen Trainingsformen verspricht die größte Effizienz eines individualisierten Trainings!