3 Fragen an...

...Teresa Enke

Kämpft für mehr gesellschaftliche Akzeptanz der Krankheit Depression

Teresa Enke
  1. Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung

    • Setzt sich mit der Robert-Enke-Stiftung für die Erforschung und Behandlung von Depressionen sowie Herzerkrankungen bei Kindern ein.
    • Fördert und führt Veranstaltungen und Vorhaben wie etwa Tagungen, Symposien, Diskussionen, Vorträge, Seminare usw. über die vorgenannten Krankheiten oder die Vergabe von Förderpreisen durch.
    • Hat mit der Robert-Enke-Stiftung in Deutschland ein Netzwerk von mehr als 70 Sportpsychiatern aufgebaut.

Das Thema Depression im Leistungssport enttabuisieren. Dieser Aufgabe hat sich Teresa Enke verpflichtet. Drei Fragen und drei Antworten geben Einblicke in ihre Überzeugungen und die Arbeit der Robert Enke Stiftung.

Frage Nummer 1:
Jeder fünfte leidet in seinem Leben mindestens einmal an einer Depression. Die Robert-Enke-Stiftung hat u.a. das Ziel, die Öffentlichkeit für dieses Thema stärker zu sensibilisieren. Wie gut ist das Thema schon "in der Kabine" knapp zehn Jahre nach Roberts Suizid angekommen?

In den vergangenen Jahren haben sich aktive und ehemalige Weltklassespieler wie zum Beispiel Andres Iniesta oder Gianluigi Buffon zu ihrer Erkrankung öffentlich bekannt. Viele weitere haben über den Verein und/oder die Angebote der Robert-Enke-Stiftung Hilfe in Anspruch genommen. Im Profifußball ist grundsätzlich die Erkenntnis gereift, dass auch ein Spieler – genauso wie jeder andere Mensch auch – von psychischen Erkrankungen betroffen sein kann. Doch was Depressionen überhaupt sind, wie man sie erkennt bzw. wie man sie behandelt, darüber bestehen vielerorts noch Wissenslücken. Deshalb möchte die Robert-Enke-Stiftung die Zusammenarbeit mit den Leistungszentren und U-Nationalmannschaften weiter intensivieren.

Ein bereits exzellentes Beispiel hierfür ist der durch Ronald Reng, dem Autor von Roberts Biographie, moderierte Vortrag von Martin Amedick (mehr dazu hier). Das Gespräch über seelische Gesundheit und Erkrankungen ist für viele Menschen ungewohnt und auch sehr persönlich. Wir beobachten, dass deshalb viele Menschen bei diesem Thema schnell verkrampfen. Deshalb findet der Vortrag von Martin, der während seiner Karriere selbst unter Depressionen litt, bewusst in ungezwungener Atmosphäre und „Fußballersprache“ statt. Wir sind der festen Überzeugung, dass wir einen selbstverständlichen Umgang mit seelischen Krankheiten erreichen müssen, damit sie ebenso wie körperliche Verletzungen als vorübergehend – und somit vorübergehen – beurteilt werden. Schließlich sind Iniesta und Buffon nach ihren Erkrankungen Weltmeister geworden!

Frage Nummer 2:
Um Spitzenleistungen im Fußball erbringen zu können, muss man sowohl physisch als auch psychisch topfit sein. An physischen Defiziten wird im täglichen Training gearbeitet. Was kann ein Sportler tun, wenn er sich mental „schlecht“ fühlt?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es ohne mentale Gesundheit langfristig keine sportlichen Höchstleistungen geben kann. Daraus müsste konsequenterweise eigentlich folgen, dass ein Sportler auch in diesem Bereich einen Experten an seiner Seite hat so wie sich zum Beispiel Athletiktrainer oder Ernährungswissenschaftler im Leistungssport längst etabliert haben. Neben sportlichen Einflussgrößen wirken aber auch private Umfelder bzw. Ereignisse auf den Spieler ein, die unter Umständen sehr belastend sein können. Umso wichtiger ist hier ein reflektierter Umgang und die Überprüfung der eigenen Ressourcen/Kapazitäten. Wo sind meine Grenzen, was ist für mich besonders belastend usw. Helfen können hier sportpsychologische Maßnahmen, die Wahrnehmung und Interpretation belastender Situationen besser zu reflektieren und ggf. Anpassungen vorzunehmen.

Es ist elementar, den Sportler in seiner Selbstwirksamkeit, also „selbst wirksam sein“, zu stärken – ein ganz bedeutender Aspekt, um die psychische Gesundheit von Sportlern präventiv zu schützen. Sich beim Sport mal mental „schlecht“ zu fühlen, heißt nicht, dass ich automatisch depressiv krank bin, sondern dass es ein momentaner Zustand ist, der seine Ursache auch im Sport selbst haben kann. An einer Depression zu leiden, betrifft immer den ganzen Menschen und es Bedarf immer einer (ärztlichen) Behandlung eines Psychiaters und/oder Psychotherapeuten. Zusammen mit dem DFB, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie der Deutschen Sporthochschule Köln hat die Robert-Enke-Stiftung übrigens die Handlungshilfe „Kein Stress mit dem Stress – Tipps und Lösungen für mentale Stärke und psychische Gesundheit im wettkampforientierten Leistungssport“ herausgegeben (Download siehe weiterführende Links).

Frage Nummer 3:
Was sind typische Anzeichen einer Depression und was tue ich, wenn ich diese bei mir oder einem Teamkollegen feststelle?

Hauptsymptome einer Depression sind eine getrübte Grundstimmung (tiefe Traurigkeit), Interessen- und Freudlosigkeit, Antriebsminderung und Müdigkeit. Zu den Zusatzsymptomen gehören unter anderem Schlafstörungen, Schuldgefühle, reduziertes Selbstwertgefühl oder Gewichtsverlust. Treten mindestens zwei Haupt- und zwei Zusatzsymptome über einen Zeitraum von mindestens 14 Tagen auf, kann ggfs. eine behandlungsbedürftige depressive Episode vorliegen. Die Robert-Enke-Stiftung hat für Leistungssportler in Deutschland die „Beratungshotline Seelische Gesundheit im Sport“ als eine erste (anonyme) Kontaktstelle ins Leben gerufen. Unter der Rufnummer +49 (0)241 8036777 kann sich die betroffene Person oder ein Angehöriger mit einem Sportpsychiater über die Erkrankung austauschen und im Bedarfsfall an einen ambulanten Therapeuten oder eine stationäre Einrichtung vermittelt werden. Somit können die Leistungssportler innerhalb weniger Tage einen Therapieplatz erhalten.

Depressionen sind inzwischen gut behandelbare Erkrankungen. Je nach Schweregrad (leichte, mittelgradige, schwere Episode) können eine kurze Auszeit und eventuell eine stationäre Behandlung notwendig werden, bis die Beschwerden abgeklungen sind. Jeder Verlauf ist individuell und benötigt seine Zeit, die sich eine betroffene Person zugestehen sollte. In den allermeisten Fällen können die Sportler jedoch ihren Beruf parallel weiter ausüben. Mit offener Kommunikation, Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und Vertrauen trage ich bei einem Teamkollegen dazu bei, dass eine Depression frühzeitig erkannt und behandelt werden kann. Bei einem Verdacht stehen verschiedene Selbsttests wie zum Beispiel der „WHO-5-Screening-Test“ zur Verfügung. Ein solcher Test ersetzt natürlich keinesfalls eine umfassende Diagnostik, er erleichtert aber den Einstieg in die Thematik.

Teresa Enke

3 Umsetzungstipps

Was tun, wenn in meinem Umfeld jemand von einer Depression betroffen ist?


  • Vergewissere dich, dass die Person professionelle Hilfe bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten in Anspruch nimmt. Je eher eine Depression festgestellt wird, umso besser lässt sie sich behandeln!
  • Vermeide Bagatellisierungen der Krankheit Depression („Das wird schon wieder…“, „Denk einfach mal positiv…", „Nun hab’ dich nicht so…“) – sondern zeige der Person Verständnis und Empathie für die Krankheit, genauso wie bei einem körperlichen Gebrechen!
  • Sorge für ein wertschätzendes Umfeld und eine verständnisvolle Umgebung. Gemeinsame Unternehmungen können helfen, die Person aus dem Gefühl der Isolation zu befreien. Bei sportlich nicht aktiven Menschen kann auch das Aktivieren (Joggen, Fahrradfahren, Spazierengehen) ein erster Ansatz sein!