3 FRAGEN AN

Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann

Sportpsychologie kann Leistungspotentiale freisetzen

    • Studium der Psychologie in München, Würzburg und Antwerpen
    • Sportpsychologische Betreuungstätigkeit von Kaderathleten des DOSB, u.a. am Olympia-Stützpunkt Rhein-Neckar
    • Trainer und Coach für Führungskräfte- und Unternehmensentwicklung
    • seit 2004 Sportpsychologe der deutschen Fußball-Nationalmannschaft
    • Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken
    • Honorarprofessor am Institut für Sportwissenschaften der Universität Tübingen

Welche Funktionen hat die Sportpsychologie im modernen Hochleistungsfußball? Wie kann sie dabei unterstützen, die Leistungen der Spieler*innen signifikant zu steigern? Darüber spricht Prof. Dr. Hans-Dieter Hermann, der dank seiner jahrelangen Erfahrung zu einer Institution auf diesem Gebiet geworden ist.

1) Warum wird die Sportpsychologie im modernen Hochleistungsfußball immer bedeutsamer und wie hat sich die Sportpsychologie im Spitzenfußball etabliert? 

Der Profifußball hat sich in den letzten 20 Jahren strukturell, inhaltlich, personell und auch durch seine Wirtschaftskraft enorm entwickelt. Im Zuge dessen fand auch innerhalb des leistungsorientierten Fußballs eine Professionalisierung beteiligter Personengruppen und Fachbereiche statt. Zum Teil sind sogar neue Berufe entstanden, die heute ganz selbstverständlich zum Kreis des Funktionsteams um die Mannschaft herum gehören, wie beispielsweise der Beruf des Spielanalysten. Gleichzeitig ist der Erfolgsdruck auf alle Beteiligten stetig gewachsen. Die Vereine wollen den Anschluss nicht verlieren, sportlich erfolgreich bleiben und in der Folge auch wirtschaftlich mithalten können. Sportpsychologisches Knowhow wurde dabei immer wichtiger. Es ist wissenschaftlich belegt, dass der mentale und soziale Bereich derjenige ist, der in den Mannschaften bzw. Mannschaftskadern den größten Entwicklungsspielraum hat und somit vor allem mittel- und langfristig über Erfolg und Misserfolg eines Vereins oder einer Spielbetriebs-GmbH entscheiden. Die Sportpsychologie kümmert sich genau um diesen mentalen und sozialen Bereich von Spieler*innen und Mannschaften und wurde daher in den vergangenen Jahren immer bedeutsamer. Einerseits steht die Prävention vor individueller Überforderung, andererseits die Leistungsoptimierung und die Teamentwicklung im Vordergrund. Diese Unterstützung der Sportpsycholog*innen für Spieler*innen und Trainer*innen beginnt bereits im leistungsorientierten Jugendbereich.

Insbesondere nachdem der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann bei seinem Amtsantritt im Jahr 2004 die Tür für die Sportpsychologie geöffnet hat, wurde deutlich, dass diese vergleichsweise junge Disziplin ein wesentlicher Baustein bei der Betreuung von Leistungsfußballspieler*innen ist und neben der präventiven Verantwortung ein ausschlaggebender Erfolgsfaktor sein kann. Es hat dann einige Jahre gedauert, bis die meisten Profivereine in Deutschland nachgezogen haben – in England, Spanien und Südamerika war das schon länger der Fall – und mittlerweile alle Leistungszentren der Vereine über einen festen sportpsychologischen Ansprechpartner verfügen. Ich denke, man darf heute sagen, dass die Sportpsychologie im Profifußball etabliert ist.

2) Welche mentalen Fähigkeiten bzw. Fertigkeiten und welche Einstellung sollten Fußballer*innen mitbringen?

Das ist so generell nicht zu beantworten und die Wissenschaft ist sich hier auch nicht ganz einig. Spieler*innen müssen vor allem die unbedingte Freude am Fußballspielen mitbringen. Ich erlebe auch in Auswahlmannschaften, dass diese herausragenden Spieler*innen nichts lieber tun, als zu kicken. Dazu unterstützen eine hohe Konzentrationsfähigkeit, Selbstbewusstsein, Stressresistenz, psychische Regenerationsfähigkeit und einige andere Merkmale die Entwicklung der talentierten Spieler*innen. Wichtig ist mir jedoch zu betonen, dass diese Fertigkeiten optimierbar und trainierbar sind. Die kognitiven Fertigkeiten sind Teil des sportpsychologischen Trainings und müssen nicht zwingend schon komplett ausgebildet sein.

3) Welches psychologische Know-how sollten Trainer*innen besitzen?

Das Interesse an sportpsychologischem Know-how ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für Trainer*innen, da sie die Trainingsgestaltung, die Einzelgespräche und auch die Mannschaftsansprachen gezielter ausrichten können. Denn aus psychologischer Sicht bilden gerade die kommunikativen Prozesse rund um Training und Wettkampf die Brücke zwischen Trainer*in und Spieler*in. Wenn psychologieinteressierte Trainer*innen zudem in ihrem Funktionsteam auch eine/n Sportpsycholog*in haben, können sie ihn/sie besser einsetzen und zu Rate ziehen, da sie um die Möglichkeiten und die Grenzen der Sportpsychologie wissen. 

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3 Umsetzungstipps

  • Sportpsychologie ist Trainingsalltag! Die Arbeit an mentalen Fähigkeiten und Fertigkeiten sollte im Idealfall als selbstverständlicher Aspekt in den Trainingsalltag integriert werden. Mentale Themen sollten nicht nur in besonderen Events stattfinden, sondern durch entsprechende Spielformen und durch das Coaching im Rahmen des Trainings bearbeitet werden. Sportpsychologische Expert*innen können dabei auch beratend im Hintergrund agieren.
  • Fragen stellen! Die richtigen Fragen sorgen dafür, die Aufmerksamkeit von Spieler*innen in eine gewünschte Richtung zu lenken. Wenn Spieler*innen Antworten auf Fragen selbst erarbeiten, werden Eigenständigkeit und Selbstvertrauen gefördert. Hilfreich ist es, wenn dabei der Fokus sowohl auf inneren (der eigenen Denkweise) als auch auf äußeren Abläufen (dem Handeln und Verhalten gegenüber anderen) liegt.
  • Vorbild sein! Im mentalen Bereich ist es wichtig, dass die Verantwortlichen, insbesondere die Trainer*innen, mit gutem Beispiel vorangehen. Trainer*innen brauchen auch für sich selbst eine gute Belastungssteuerung und eine gute mentale Spielvorbereitung. Zielführend ist es, wenn sie ihre Tricks und Erfahrungen in diesem Bereich auch als Motivation oder Tipps an ihre Spieler*innen weitergeben.

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