3 Fragen an...

...Thomas Broich

Chancen und Grenzen von Fußball-Daten

Thomas Broich
  1. Ex-Profi und Datenexperte

    • war 16 Jahre Fußball-Profi: neun Jahre davon in Deutschland, sieben in Australien
    • wurde von Filmemacher Aljoscha Pause über acht Jahre begleitet, woraus der Film „Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“ entstand
    • erstellt zusammen mit Jerome Polenz für einen Streamingdienst unter dem Titel „Tom and Jiro Talking Tactics“ Spielanalysen

Wie Datenanalysen helfen können, Spieler besser und Spielweisen effektiver zu machen. Drei Fragen und drei Antworten gewähren Einblicke.

Frage Nummer 1:
Welche Rolle spielen Daten im Fußball? Können diese genutzt werden, um künftig bessere Ergebnisse zu erzielen?

Bei Daten sollte zunächst zwischen Leistungsdiagnostik und Daten zur Spielanalyse unterschieden werden. Hinsichtlich Belastungssteuerung und Früherkennung von Verletzungen leisten Daten schon heute unschätzbare Dienste. Was die taktische Auswertung von Spielen betrifft, befinden wir uns allerdings noch in der Frühphase. Zwar gibt es auch jetzt schon sehr aussagekräftige Daten wie expected goals, expected passes, Gefahrenzonen, Packing etc., die eine qualitativ bessere Einschätzung von Spielen und Spielern ermöglichen, doch weisen diese immer noch zu viele „blinde Flecken“ auf. Die hohe Komplexität des Fußballs im Vergleich zu anderen Sportarten wie Baseball, Basketball oder Football, die oftmals fast identische Spielzüge und Konstellationen aufweisen, macht es in der Auswertung unheimlich schwer, Spielsituationen wie beispielsweise Pressing eindeutig zu erfassen und sinnvoll zu interpretieren.

Frage Nummer 2:
Gab es in Ihrer Spielerkarriere schon Berührungspunkte mit Daten? Hatten Sie bereits Trainer, die sich mit dem Thema beschäftigt haben?

Zu meiner Zeit in Brisbane wurde unheimlich viel wert auf Leistungsdaten gelegt und entsprechend individuell trainiert. Das reichte von täglichen Urinproben über das Einschätzen der Schlafqualität bis hin zur Erfassung der Anzahl an Sprints mit unterschiedlicher Intensität im Training. Mit tiefergehenden Spieldaten allerdings hat sich zu meiner Zeit noch kein Trainer befasst.

Frage Nummer 3:
Als Moderator und Experte bei DAZN und nun auch bei der ARD stehen Ihnen sicher zahlreiche Daten und Auswertungen zur Verfügung. Wie wichtig ist es in Ihrer täglichen Arbeit als Moderator, stets im Bilde über die neusten Erkenntnisse und Kennzahlen zu sein?

Ohne Daten wären unsere Analysen schlichtweg unvollständig und vielleicht das eine oder andere Mal auch irreführend. Im Idealfall bedingen Bildanalyse und Daten einander. Oft führt in der täglichen Arbeit das Eine zum Anderen: man sieht einen auffälligen Datensatz und gleicht diesen mit den Bildern ab. Oder im Spiel springt etwas ins Auge und man durchforstet daraufhin die Daten, die wiederum die Beobachtung stützen oder eben auch nicht. Dann heißt es: kein Muster vorhanden, weiter suchen! Für uns ist es daher von großer Bedeutung, neueste Erkenntnisse und Kennzahlen „auf dem Schirm“ zu haben. Jeder Fortschritt in der Datenanalyse macht unsere Arbeit genauer und damit aussagekräftiger.

3 Umsetzungstipps

  • Die Spielidee sollte von allgemein gültigen Daten inspiriert sein und Wahrscheinlichkeiten berücksichtigen. Beispiel: Flanken aus einem bestimmten Korridor versprechen kaum Erfolgsaussichten; ergo sollte von dort auch nicht mehr geflankt, sondern erfolgversprechendere Bereiche gewählt werden.
  • Es hilft oft, nicht in absoluten, sondern in relativen Zahlen zu denken. Wenn Abweichungen vorliegen, ist das oft ein gutes Indiz. Beispiel: Wenn ein bestimmter Packing-Wert in einem Spiel signifikant unterschritten wurde, kann daraus ein Korrekturansatz fürs Training erfolgen.
  • Datensätze können hervorragend zur Entwicklung von Spielern genutzt werden. Beispiel: Wie hat sich der Packingwert eines Spielers über einen längeren Zeitraum entwickelt oder wie ist dieser im Vergleich zu Spielern aus Teams mit ähnlicher Spielanlage zu bewerten.