Spielanalyse

Vorschau Champions League-Finale: Manchester City gegen FC Chelsea

Im Vorfeld des Endspiels beleuchten wir die wesentlichen taktischen Merkmale beider Teams.

Teams und Vereine
Im Champions League-Finale am 29. Mai spielen mit Manchester City und dem FC Chelsea zwei englische Vereine in Porto den Nachfolger von Bayern München aus. Damit kommt es auch zum Trainerduell zwischen Pep Guardiola und Thomas Tuchel.
  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Im Champions League-Finale am 29. Mai spielen mit Manchester City und dem FC Chelsea zwei englische Vereine den Nachfolger von Bayern München aus. Damit kommt es auch zum Trainerduell zwischen Pep Guardiola und Thomas Tuchel. Grund genug, um uns taktische Teilaspakte der jeweiligen Teams näher anzuschauen!

Manchester City

Variabilität

Grundsätzlich agiert die Mannschaft von Pep Guardiola in einer klassischen 4-3-3-Grundordnung. Während in der Defensive eher gängige Abläufe genutzt werden, finden im eigenen Positionsspiel jedoch strukturelle Umformungen statt. So rückt oftmals einer der Außenverteidiger ins zentrale Mittelfeld, während der andere mit den beiden Innenverteidigern eine Dreierkette bildet. Meist ist es João Cancelo, der diese Rolle einnimmt und ins Zentrum des Mittelfelds einrückt. Der Portugiese kann dabei sowohl die linke als auch die rechte Seite bekleiden, wodurch Guardiola je nach Gegner und Ausrichtung flexibel die Position des gegenüberliegenden Außenverteidigers besetzen kann. Auf der linken Seite steht Oleksandr Zinchenko bereit und als Rechtsverteidiger Kyle Walker. Mithilfe dieser strukturellen Umformung unterstützen sie den defensiven Mittelfeldspieler und schaffen eine Überzahl in der Spielfeldmitte, die das Überspielen der ersten Pressinglinie erleichtert. Das sorgt für eine sichere Ballzirkulation. Zudem werden die offensiven Mittelfeldspieler vom Spielaufbau befreit, sodass diese sich in torgefährlicheren Zonen anbieten und ein personelles Übergewicht an der letzten gegnerischen Linie kreieren können. Dadurch gelang es ihnen auch, problemlos auf ein System mit einer "falschen Neun" umzustellen, als sie den Ausfall von beiden etatmäßigen Mittelstürmern kompensieren mussten.

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Aus der Breite in die Tiefe

Generell verleitet die Struktur des Spielaufbaus den Gegner dazu, die Außen- oder Halbspuren zu öffnen. Erfolgt ein Zuspiel in diese Räume, verschärft City das Tempo und attackiert mit variablen Lösungen, wie z.B. einem 1 gegen 1 oder einer Verlagerung in den Raum im Rücken des Gegners. Gerade die beiden hochstehenden Außenstürmer sind stets in der Lage, mit Flanken, Dribblings oder als Empfänger für Schnittstellenpässe eine hohe Durchschlagskraft zu entwickeln. Eine Spielverlagerung oder ein Pass aus dem Zentrum sind oft der Schlüssel, damit diese aus der Blindside der Abwehrspieler agieren können und somit einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite haben. Diesen Vorteil nutzen sie auch bei den stets wiederkehrenden Halbfeldflanken. Das Spiel wird zunächst per Pass oder Dribbling in die Außenspur verlagert, um den Ball dann auf einen in der Halbspur wartenden Flankengeber abzulegen, der den Ball in den Strafraum spielt. Am ballfernen Pfosten lauert dann der Außenstürmer, der mit dem passenden Timing einläuft und mit dem ersten Kontakt in die Mitte ablegt, wo der Mitspieler mit wenig Druck abschließen kann.

    1. De Bruyne passt quer zum freistehenden Rodri. Mahrez, der in der Außenspur die Breite hält, nimmt die Situation wahr.

    2. Mit dem Aufdrehen von Rodri startet Mahrez einen Bogenlauf und fordert ein Zuspiel in den Rücken der Abwehr, das er auch erhält.

    3. Mahrez nimmt zum Tor an und mit, während Sterling und Gabriel Jesus ebenfalls in den Strafraum nachrücken.

    4. Letztlich passt Mahrez zu Sterling, der die Vorlage mit dem ersten Kontakt verwertet.

    1. Rodri verlagert das Spiel auf Sterling, der in Richtung Tor an- und mitnimmt. Mit dem Pass orientiert sich Cancelo bereits zu Sterling.

    2. Kurz vor dem direkten Duell passt Sterling zu Cancelo, der in der Halbspur frei steht.

    3. Cancelo dreht auf und passt mit dem zweiten Kontakt auf den ballfernen Pfosten, wo Manchester City bereits eine Überzahl hergestellt hat. Bernardo, der sich im Rücken der Verteidiger bewegt, erläuft die Hereingabe ...

    4. ... und köpft zurück in die Mitte, wo Gabriel Jesus freistehend abschließen kann.

Die Champions League ist ein besonderer Wettbewerb. Es ist das erste Finale für den Klub. Es ist etwas ganz Spezielles für uns!
Pep Guardiola, Cheftrainer Manchester City

FC Chelsea

Über Stabilität zum Umschaltmoment

Seit Thomas Tuchel den Verein im Januar übernahm, blüht Chelsea förmlich auf. Der Umschwung gelang unter anderem mit dem Systemwechsel vom bis dato genutzten 4-2-3-1 zum 3-4-2-1 bzw. 3-4-1-2, wodurch die "Blues" besonders ihre Defensive stabilisieren konnten. So spielt das Team mittlerweile ein kohärentes und intensives Pressing, welches je nach Spielverlauf und/oder Ausrichtung flexibel auf den Gegner angepasst werden kann. Der Gegner wird meist nach außen gelenkt, wo die "Blues" durch konsequentes Verschieben und mit teils situativen Mannorientierungen den Raum-, Zeit- und Gegnerdruck erhöhen. Nach einem Ballgewinn versucht Chelsea, so schnell wie möglich umzuschalten, um die Desorganisation des Gegners auszunutzen. Hier wird dann versucht, mit so wenig Pässen wie möglich die schnellen, technisch versierten Offensivspieler einzusetzen, die sich im Optimalfall in einer 1-gegen-1-Situation befinden und schnell den Torabschluss suchen können. Gerade die Angreifer verfügen mit ihrer Risikobereitschaft, Umstellungsfähigkeit und Antizipation über die dafür nötigen Eigenschaften.

    1. Pulisic setzt den ballführenden zentralen defensiven Mittelfeldspieler (ZDM) unter Druck, der daraufhin zum Mitspieler passt. Jorginho erkennt die Absicht frühzeitig, rückt auf den Passempfänger heraus ...

    2. ... und setzt diesen bereits bei der Annahme unter Druck. Dadurch landet der Ball bei Mount, der gedankenschnell in die Tiefe dribbelt.

    3. Nach einigen Metern wird Mount vom gegnerischen Innenverteidiger (IV) gestellt, den er jedoch mit seinem Dynamikvorteil problemlos umspielt. Mount setzt sein Tempodribbling fort, während Pulisic und Werner ebenfalls im höchsten Tempo in die Tiefe laufen.

    4. An der Strafraumgrenze kappt Mount ab und versucht, auf das Tor abzuschließen. Der Torschuss landet jedoch bei Pulisic, der gemeinsam mit Werner in den Strafraum nachgerückt ist.

    5. Pulisic passt mit dem ersten Kontakt zu Werner, der jedoch mit seinem Torschuss am Torwart (TW) scheitert.

    1. Kanté klärt den gegnerischen Einwurf und köpft zu Hudson-Odoi, ...

    2. ... der aufdreht und zu Pulisic in die Tiefe passt. Mit dem Pass starten der vorherige Balleroberer Kanté und Emerson ebenfalls in die Tiefe.

    3. Dabei überholen sowohl Kanté als auch Emerson das gegnerische Mittelfeld, während Pulisic im höchsten Tempo in Richtung Tor dribbelt.

    4. Die Bereitschaft, den Konter mitzulaufen, führt bereits kurz nach der Mittellinie zu einer 3-gegen-1-Überzahlsituation.

    5. Kurz vor dem Strafraum bindet Pulisic den letzten Verteidiger und passt im richtigen Moment zum hinterlaufenden Emerson, ...

    6. ... der mit dem ersten Kontakt präzise in die ballferne Ecke abschließt.

Ab durch die Mitte

Doch neben der defensiven Stabilität nutzt die Dreierkette auch dem eigenen Aufbau. Die spielstarken Innenverteidiger nutzen in Verbindung mit "Sechser" Jorginho die stetige Überzahl, um sich den Gegner "zurechtzulegen" und schnelle, zielgerichtete Kombinationen durch das Zentrum einzuleiten. Dabei werden die Flügelverteidiger zwar mit eingebunden, vorzugsweise sollen diese jedoch hoch und breit agieren, um den Defensivverbund auseinanderzuziehen und so den zentralen Spielern Räume zu schaffen. Die geschaffenen Passfenster nutzen die Innenverteidiger, um einen der beweglichen Angreifer zwischen der gegnerischen Abwehr- und Mittelfeldlinie anzuspielen. Gelingt der Pass in die Tiefe, greift das abgestimmte taktische Verhalten zwischen den Mannschaftsteilen. Der vorrückende "Sechser" sucht den Kontakt zu den Stürmern, und die Flügelverteidiger rücken weiter auf und halten die Breite. Durch die klaren Abläufe und die Dynamik aller Angreifer gelingt es oftmals, situativ Überzahl zu schaffen und sich dadurch in aussichtsreiche Positionen zu kombinieren.

    1. Christensen dribbelt an, bindet den direkten Gegenspieler und passt zu Kanté.

    2. Mit dem Pass rückt der gegnerische Innenverteidiger (IV) vor und setzt Kanté unter Druck, der daraufhin zur Mitte an- und mitnimmt und anschließend zu Werner in die Tiefe passt.

    3. Werner lässt auf den nachrückenden Kanté klatschen, der das Tempo hochhält und das Spiel mit einem Dribbling fortsetzt. Daraufhin setzen sich Werner und Havertz seitlich ab und laufen in die Tiefe.

    4. Kurz vor dem Strafraum passt Kanté zum freistehenden Havertz, der zum Tor mitnimmt ...

    5. ... und den Torhüter mit einem sehenswerten Lupfer überspielt. Der Torschuss landet jedoch an der Latte, worauf Werner mit seinem Durchlaufen spekuliert.

    6. Durch das "im Spiel bleiben" erhält Werner die Möglichkeit auf den Abpraller, den er auch erfolgreich verwertet.

    1. Ballbesitzer Mount wird vom gegnerischen Innenverteidiger (IV) bis weit in die eigene Hälfte unter Druck gesetzt. Daraufhin passt er zu Kanté, ...

    2. ... der mit dem ersten Kontakt zu Werner (nicht im Bild) in die Tiefe passt.

    3. Passempfänger Werner wird bereits bei der Annahme vom IV unter Druck gesetzt. Pulisic nimmt die Situation wahr und fordert ein Zuspiel, ...

    4. ... das er auch erhält. Pulisic setzt das Spiel mit einem Dribbling fort, woraufhin sich sowohl Chilwell als auch Werner in die Tiefe absetzen.

    5. Als Chilwell auf Höhe der Abseitslinie ist, passt Pulisic in dessen Lauf. Werner setzt seinen Lauf fort.

    6. Chilwell erläuft das Zuspiel und passt direkt in die Mitte, wo Werner bereits lauert und die Hereingabe mit einem präzisen Schuss verwertet.

Wir haben gegen Manchester City viele Male gespielt, aber jetzt ist es ein Champions League-Finale. Wir glauben an uns, wir wissen, dass wir hart arbeiten müssen, aber wir sind bereit.
César Azpilicueta, Kapitän FC Chelsea
Ausblick

Eines steht fest: Beide Teams verfügen über eine hohe taktische sowie individuelle Qualität. Zwar geht Manchester City als leichter Favorit ins Finale, doch dem Gegenüber stehen bereits zwei direkte Duelle, die der FC Chelsea unter Tuchel gewann. Letztlich können wir sicherlich ein Finale erwarten, in dem beide Teams ihre wesentlichen Stärken ausspielen können. Denn Manchester City wird vermutlich dazu in der Lage sein, das eigene Ballbesitzspiel zu etablieren, während die "Blues" wenig Probleme damit haben, sich auf die Umschaltmomente zu konzentrieren.

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