Spielanalyse

Dominanz durch eine effektive Restverteidigung

Den gegnerischen Konter mittels einer guten Positionierung bei eigenem Ballbesitz verhindern.

Taktik im Detail
  1. Marius Fischer

    Marius Fischer, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball. Nebenbei ist er als Spielanalyst bei Viborg FF in der dänischen Superliga tätig.

Umschaltmomente haben im aktuellen Spitzenfußball eine enorme Bedeutung. Wer diese Situationen beherrscht, gewinnt in der Regel auch das Spiel. Umso wichtiger ist es deshalb, bestmöglich auf potenzielle Ballgewinne und -verluste vorbereitet zu sein. Wir zeigen, wie eine gute Restverteidigung dabei helfen kann.

Was bedeutet Restverteidigung?

Der Begriff Restverteidigung beschreibt die Positionierung im eigenen Ballbesitz, um bei potenziellen Ballverlusten entweder effektiv ins Gegenpressing gehen oder Konter absichern zu können. Die Komplexität der Restverteidigung besteht darin, dass sich ein Spieler gleichzeitig sowohl als Anspielstation im Ballbesitz, als auch als Absicherung bei Ballverlust optimal positionieren muss. Dabei spielt die Distanz zwischen den Spielern eine entscheidende Rolle: Ist sie zu kurz, leidet das eigene Angriffsspiel darunter. Bei zu langen Distanzen hat nach Ballverlust die Mannschaft wiederum keinen Zugriff auf den Gegner und ist anfällig für Konter.

Die Verbindung von Restverteidigung und Gegenpressing

Die Restverteidigung ist eng verbunden mit dem Gegenpressing. Eine gute Positionierung und Staffelung bei Ballbesitz sind entscheidend für einen sofortigen Zugriff im Gegenpressing nach Ballverlust. Dennoch muss eine gute Restverteidigung nicht zwingend ein Gegenpressing im Umschaltmoment nach sich ziehen. So können auch primär nur Passwege in die Tiefe zugestellt und ein schneller Konter unterbunden werden, ohne aktiv einen Ballgewinn zu forcieren.

    1. Bayern München verliert in der rechten Außenspur den Ball.

    2. Der 1. FC Köln will einen schnellen Konter starten und verlagert in die Zentrumsspur.

    3. Durch die gute Staffelung in der Restverteidigung von Bayerns Linksverteidiger (LV) und den beiden zentralen Mittelfeldspielern (ZM) kann Köln nicht in die Tiefe spielen und muss den Konter abbrechen.

    1. Bayern München verliert den Ball in der linken Außenspur.

    2. Köln spielt einen schnellen Vertikalpass. Durch eine gute Restverteidigung kann Bayern sofort Druck auf den Ballbesitzenden ausüben und ins Gegenpressing übergehen.

Zwei Ebenen der Restverteidigung

Neben der ersten Ebene der Restverteidigung in Ballnähe, die für einen sofortigen Zugriff auf den Gegner bei Ballverlust sorgen soll, spielt die zweite Ebene eine wichtige Rolle für die Konterabsicherung. Gerade dominante Ballbesitzteams agieren häufig mit einer hochstehenden Verteidigungskette und vielen Spielern im Angriffsdrittel – das macht sie anfällig für lange Pässe hinter die Kette und schnelle Konter. Diese gilt es abzusichern. Die meisten Mannschaften nutzen dafür eine 'Plus-1-Staffelung': Die gegnerischen Stürmer werden jeweils in Manndeckung genommen, während ein zusätzlicher Verteidiger die Tiefe absichert und für eine nominelle Überzahl sorgt.

    1. Ein Eckball von Manchester City wird geklärt.

    2. Der Stürmer (ST) von Leicester legt den Ball auf den nachgerückten Mitspieler ab, der in Richtung Mittelkreis dribbelt.

    3. Durch die gute Absicherung hat Manchester City eine nominelle Überzahl und zwingt den Gegner zum Dribbling in die Außenspur, ...

    4. ... wodurch der Konter an Tempo verliert und Manchester City wieder genügend Spieler hinter den Ball bringen kann.

Die Rolle des Außenverteidigers

Für eine möglichst kompakte Staffelung in der Halb- und Zentrumsspur nutzen einige Mannschaften einen eingerückten Außenverteidiger. Vor allem Pep Guardiola setzt bei seinen Teams häufig auf dieses taktische Mittel. Die zentrale Positionierung des Außenverteidigers in Ballbesitz erlaubt es den Mittelfeldspielern eine Anspielstation hinter der gegnerischen Kette zu bieten, ohne das darunter die Absicherung im Zentrum bei Ballverlust verloren geht. Der dadurch entstehende Raum in der Außenspur wird dabei bewusst freigegeben, da von dort ein geringeres Risiko für einen erfolgreichen Konter ausgeht. Doch auch bei klassisch agierenden Außenverteidigern kann ihre Positionierung die Restverteidigung entscheidend beeinflussen. Stehen sie permanent zu hoch, können sie bei Ballverlusten nicht mehr eingreifen. Eine tiefere, angepasste Positionierung im Ballbesitz sorgt hingegen für eine zusätzliche Absicherung.

    1. Ein Vertikalpass von Rechtsverteidiger Walker prallt von seinem Mitspieler ab.

    2. Durch Walkers eingerückte Position und die gute Absicherung von Rodri kann Manchester City sofort Druck auf den Ballbesitzenden ausüben ...

    3. ... und den Konter abfangen.

    1. Spanien spielt einen Vertikalpass im Spielaufbau. Linksverteidiger Mirinda ist in der linken Halbspur positioniert.

    2. Infolge einer schlechten Annahme kann der Gegenspieler den Ball abfangen und andribbeln. Mirinda setzt durch seine eingerückte und absichernde Positionierung sofort Druck auf den Ballbesitzenden aus ...

    3. ... und zwingt ihn somit zu einem Ballverlust.

Fazit

Die Restverteidigung hat im aktuellen Top-Fußball eine wichtige Bedeutung, da sie unabdingbar für eine Kontrolle der Umschaltmomente geworden ist. Vor allem Ballbesitzteams brauchen eine funktionierende Restverteidigung, um sich gegen schnelle Konter und einfache Gegentore abzusichern und darüber hinaus nach Ballverlusten wieder schnell Zugriff zu bekommen. Je besser die Staffelung in der Restverteidigung, desto dominanter kann eine Mannschaft auch im Offensivspiel auftreten.

Die meisten Trainer wollen größere Abstände im Ballbesitz. Ich will kurze Distanzen zwischen den Spielern, damit der Ball schneller zirkulieren kann und man sich gezielt aufs Gegenpressing vorbereitet - das wichtigste Thema.
Julian NagelsmannCheftrainer FC Bayern München
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