Spielanalyse

Emiliano Buendía – der finale Passgeber

Der Argentinier war in der abgelaufenen Saison die prägende Figur im Angriffsspiel von Norwich City. Wir haben uns seine besonderen Qualitäten angeschaut.

Norwichs Emiliano Buendia im Kampf um den Ball gegen Wolves Romain Saïss and Joao Moutinho während des Premier League-Spiels Norwich City gegen Wolverhampton Wanderers (Foto: Julian Finney/Getty Images).
  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Ein Jahr nach dem überraschenden Aufstieg musste Norwich City wieder die Segel streichen und stieg als Tabellenletzter der Premier League ab. Auch wenn das Team um den deutschen Trainer Daniel Farke viel Lob und Anerkennung für die Leistungen erhielt, waren sie letztlich chancenlos. Trotzdem konnten sich ein paar wenige Spieler für größere Aufgaben empfehlen. So auch Emiliano Buendía, der eine prägende Rolle im Angriffsdrittel der Kanarienvögel einnahm.

Beschleuniger

Buendía läuft meist als rechter Mittelfeldspieler in einem 4-4-2 bzw. 4-2-3-1 auf, wobei er auch die Rolle des „Zehners“ hinter den Spitzen ausfüllen kann. Generell sorgt er bei eigenem Ballbesitz für die Anbindung zwischen Mittelfeld und Angriff und ermöglicht stabile Kombinationen im Angriffsdrittel. Er ist zwar nicht der Spielgestalter, doch seine technischen Qualitäten machen ihn zu einem Angreifer, der die Offensivaktionen entscheidend einleiten oder beschleunigen kann.

Kreativer Passspieler

Buendía besitzt sehr viel Gefühl in seinen beiden Füßen und nutzt dies immer wieder für Steilpässe hinter die gegnerische Abwehr. Dabei verschaffen ihm sein Umblickverhalten und sein gutes Raumgefühl oftmals den entscheidenden Platz, die Pässe mit der richtigen Härte und Präzision auszuführen. So war der Argentinier einer der kreativsten Spieler der vergangenen Premier League-Saison. Geht es nach den „expected assists (xA)“, also den zu erwartenden Vorlagen, die ein Spieler auf Grund seiner tororientierten Pässe hätte sammeln müssen, war er lange Zeit der erste Verfolger von Kevin de Bruyne und Riyad Mahrez. Auf dem Papier verzeichnete er letztlich „nur“ sieben Assists, wobei er hier logischerweise auch abhängig von der Qualität seiner Abnehmer war. Norwich City erzielte lediglich 26 Saisontore.

    1. Nach einem Zuspiel dreht sich Buendía im Zwischenlinienraum auf. Dabei wird er sofort unter Druck gesetzt. Gleichzeitig läuft Stiepermann quer zur Abwehrkette und bietet sich für Anspiel an. Buendía spielt den Pass und läuft sich erneut frei.

    2. Stiepermann, der seinen Gegenspieler bindet, lässt direkt auf Buendía klatschen. Buendía erkennt die weite Schnittstelle sowie den einlaufenden Pukki und passt mit dem ersten Kontakt in dessen Lauf.

    3. Pukki nimmt in den Strafraum an und mit, wo er jedoch vom Innenverteidiger (IV) und Außenverteidiger (AV) unter Druck gesetzt wird.

    4. Der IV gewinnt den folgenden Zweikampf mit Pukki, kann den Ball jedoch nur unkontrolliert wegspitzeln. Der Klärungsversuch trifft den eigenen AV, der den Ball ungewollt ins Tor lenkt.

    1. Aufbauspieler Zimmermann passt zu Buendía, der beim Aufdrehen sofort unter Druck gesetzt wird.

    2. Buendía nimmt die Situation frühzeitig wahr und passt zu Duda in die Tiefe. Anschließend rückt er sofort nach, weshalb Duda das Zuspiel direkt klatschen lässt.

    3. Aufgrund des Wandspiels hat Buendía ein optimales Sichtfeld und kann den in die Tiefe startenden Pukki wahrnehmen, den er auch präzise anspielt. Pukki nimmt zum Tor an und mit, kann sich jedoch nicht vom Innenverteidiger absetzen, ...

    4. ... weshalb er einen Torschuss von der Strafraumgrenze probiert. Der Torwart (TW) hat mit diesem Fernschuss jedoch keine Probleme.

    1. Nach einer Klärungsaktion ist Buendía in Ballbesitz und versucht, in der Halbspur nach vorne zu dribbeln. Der zentrale offensive Mittelfeldspieler (ZOM) setzt ihn jedoch unter Druck, wodurch er nach innen abkappt und quer zur Spielrichtung dribbelt.

    2. Dabei blickt er in die Tiefe und nimmt den an der Abwehrlinie lauernden Pukki (nicht im Bild) wahr. Buendía nutzt seinen Freiraum und spielt einen hohen Pass in den Raum im Rücken der gegnerischen Abwehr, ...

    3. ... den Pukki bereits anläuft.

    4. Pukki erläuft den Ball und nimmt in den Strafraum an und mit. Der Innenverteidiger (IV) kann den Finnen jedoch einholen und den Torschuss im letzten Moment blocken.

Unberechenbarer Dribbler

Buendías weitere große Stärke ist das 1 gegen 1, das er häufig mit viel Mut sucht. Dabei zeigt er oftmals seine Kreativität und seinen Spielwitz gepaart mit einer herausragenden technischen Qualität, um seinen Gegner auszuspielen und damit torgefährliche Situationen zu schaffen. Mit seiner hohen Dynamik bindet er immer wieder Gegenspieler und öffnet Räume für seine Anschlussaktionen. Sei es für einen entscheidenden Pass oder für den eigenen Torabschluss. Insgesamt ist er in diesen Situationen schwer ausrechenbar. Der Blick auf die Statistiken unterstreicht seine Qualitäten in diesem Bereich: Er war nicht nur in den Top-10 der Spieler mit den meisten Dribblings, sondern er verzeichnete auch mit rund 72% erfolgreicher Dribblings den viertbesten Wert der Liga.

    1. Trybull passt zu Buendía, der sich mit dem Zuspiel bereits umblickt und die heranrückenden zentralen defensiven Mittelfeldspieler (ZDM) erkennt.

    2. Daraufhin täuscht er einen Rückpass an, auf den der ballnahe ZDM mit einem Schritt nach vorne reagiert. Buendía nutzt die Situation, kappt nach hinten ab und dribbelt durch beide ZDM hindurch. Der Innenverteidiger (IV) rückt sofort nach vorne ...

    3. ... und sucht den Zweikampf mit Buendía. Dieser nutzt jedoch seine Dynamik aus und dribbelt einfach am IV vorbei. Daraufhin setzen sich beide Angreifer seitlich von ihren Gegnern ab und bieten sich für ein Anspiel in die Tiefe an.

    4. Buendía entscheidet sich für McLean und passt präzise in dessen Lauf.

    5. McLean erläuft das Zuspiel und schließt mit dem ersten Kontakt ab. Der Torschuss geht jedoch knapp am ballfernen Pfosten vorbei.

    1. King passt zu Buendía, der nach vorherigem Schulterblick in Richtung Tor an- und mitnimmt.

    2. Dabei dribbelt er auf den ballnahen Innenverteidiger (IV) zu ...

    3. ... und bindet diesen. Pukki erkennt die Situation und läuft im passenden Moment in die Tiefe, woraufhin beide IV reagieren und eine Unordnung entsteht.

    4. Buendía nutzt die Unordnung und dribbelt durch die Schnittstelle der IV in den Strafraum.

    5. Dort kann Buendía ungestört auf das Tor abschließen, scheitert jedoch am Torwart (TW).

Entwicklungspotenziale

Buendías Stärken sind unverkennbar, dennoch gibt es eben genauso Bereiche, in denen er noch Entwicklungspotenziale hat. Obwohl Buendía viele Chancen kreiert und einleitet, ist er weniger der Spieler, der am Ende eines Angriffes steht und diesen erfolgreich finalisiert. So verzeichnete er am Ende der Saison ein Tor. Zwar hat er mit insgesamt 40 Torschüssen die drittmeisten seiner Mannschaft abgegeben, doch davon fand nur ein Viertel den Weg aufs Tor. Den Großteil seiner Torschüsse gab er von außerhalb des Strafraums (65%) ab. Bei Chancen innerhalb des Strafraums fehlte ihm oftmals die nötige Präzision und Schärfe. Eine Verbesserung in der Qualität seiner Abschlüsse (Zone und Umsetzung) würde seinem Offensivspiel mehr Variabilität verleihen und sein Profil insgesamt abrunden. Ein weiterer Punkt ist sein Defensivverhalten. Hier überzeugt er nicht immer mit seiner Laufleistung, Positionierung und Zweikampfführung. Jedoch hat er sich in diesen Bereichen bereits verbessert, was ihm auch Trainer Daniel Farke bescheinigt hat. 

Ausblick

Buendía war eine der Überraschungen der Premier League 2019/2020. Er nutzte die große Bühne und konnte sich mit seiner kreativen Spielweise ins Rampenlicht spielen. Würde er mehr eigene Torgefahr und ein verbessertes Defensivspiel in sein Spiel einbauen, könnte er sein Potential noch besser entfalten. Doch vielleicht hilft ihm hier bereits ein Wechsel zu einem größeren Verein, der noch mehr Wert auf Ballbesitz und Gegenpressing legt. Dies würde seinen Fähigkeiten wesentlich mehr entgegenkommen als das teils weniger dominante Spiel der „Kanarienvögel“.

Warum ich damals der einzige Scout auf der Tribüne in León war? Ich weiß es bis heute nicht.
Kieran Scott, Scout Norwich City
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