Spielanalyse

FC Barcelona – eine neue Ära?

Kann der FC Barcelona unter Xavi Hernández wieder zu alter Stärke zurückfinden?

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Dembélé, Torres und Aubameyang beim Torjubel.
  1. Marius Fischer

    Marius Fischer, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball. Nebenbei ist er als Spielanalyst bei Viborg FF in der dänischen Superliga tätig.

Nach zwei titellosen Jahren, finanziellen Problemen und dem daraus resultierenden Abgang von Lionel Messi geht es für den FC Barcelona seit Anfang 2022 sportlich wieder bergauf. Was hat der neue Trainer Xavi Hernández verändert und wie nachhaltig sind die jüngsten Erfolge?

Das Erbe Messis

672 Tore und 305 Torvorlagen in 778 Pflichtspielen seit seinem Debüt am 16. Oktober 2004. Das Vakuum, das Lionel Messi mit seinem Transfer zu Paris St. Germain hinterließ, hätte größer nicht sein können. Das bekam der FC Barcelona in den ersten Saisonmonaten bitter zu spüren. In der spanischen La Liga nur im Tabellenmittelfeld, in der Champions League chancenlos in der Gruppenphase ausgeschieden. Ein Umbruch musste her – und für den soll seit November 2021 Xavi Hernández sorgen, der als Spieler selbst zweimal das Triple mit den Katalanen gewann. Ein Vorteil, den der FC Barcelona gegenüber vielen anderen großen Vereinen hat, ist die hervorragende Jugendakademie "La Masia". Selbst in den schwächeren letzten Jahren haben immer wieder neue hochveranlagte Talente den Sprung in den Profikader geschafft – allen voran die beiden zentralen Mittelfeldspieler Pedri und Gavi, die beide zu den größten Talenten weltweit gehören und in naher Zukunft zum Gesicht des "neuen Barcas" werden sollen.

Mehr Direktheit

Taktisch ähnelt das Spiel unter Xavi in seinen Grundzügen dem von Pep Guardiola, unter dem Xavi selbst als Spieler so erfolgreich war. Seit seinem Amtsantritt verzeichnet Barca im Schnitt 65% Ballbesitz pro Spiel und setzt aus einer 4-3-3-Formation heraus auf ein strukturiertes Positionsspiel mit vielen Dreiecksbildungen. Doch trotz des generellen Fokus auf einen kontrollierten Ballbesitz und eine sichere Ballzirkulation zeigt sich Barcelona deutlich variabler und direkter als in der Vergangenheit. Lange Bälle und schnelle Diagonalpässe in die Außenspur werden ebenfalls effizient eingesetzt. Ein Grund dafür sind die Winterzugänge Adama Traore, Ferran Torres und Pierre-Emerick Aubameyang. Mit ihrer hohen Geschwindigkeit und direkten Spielweise bringen sie eine neue Qualität in Barcelonas Angriffsspiel und sorgen immer wieder für gefährliche Konter und einfache Tore, die nicht erst durch lange Ballbesitzphasen vorbereitet werden müssen.

    1. Piqué spielt einen langen Pass in den Lauf von Torres. Zeitgleich startet Aubameyang nach vorne.

    2. Torres nimmt den Ball an und passt in den Lauf von Aubameyang, der in den Strafraum dribbelt ...

    3. ... und den Ball über den Torhüter hinweg ins Tor schießt.

    1. Im Spiel über den Dritten gelangt der Ball über Ter Stegen und Piqué zu García, der nach vorne andribbelt.

    2. García spielt einen Vertikalpass zu Aubameyang, der auf Busquets klatschen lässt.

    3. Busquets spielt einen halbhohen Schnittstellenpass zu Torres, ...

    4. ... der den Ball im Tempo mitnimmt und zu einem guten Abschluss kommt.

Tiefenläufe

Ohne die individuelle Klasse von Messi tat sich der FC Barcelona gegen tiefstehende Abwehrketten häufig schwer. Zu oft wurde nur in die Breite gespielt – es fehlten Tiefenläufe hinter die Kette. Dies hat sich vor allem durch Winterneuzugang Ferran Torres und den wiedererstarkten Ousmane Dembélé geändert. Beide agieren in ihrer Positionierung sehr variabel, dribbeln gerne in die Zentrumsspur und starten ohne Ball immer wieder diagonale Läufe hinter die gegnerische Kette. In diesen Situationen überzeugt Barca besonders im "Spiel über den Dritten" und kommt auch gegen tiefe Abwehrketten häufig zu Torchancen. Vor allem die Flügelspieler aber auch die zentralen Mittelfeldspieler starten mittlerweile immer häufiger in den Strafraum und gelangen dort in gute Abschlusssituationen.

    1. Pedri passt in die rechte Halbspur zu Dembélé, der in die Zentrumsspur andribbelt.

    2. Torres startet einen Tiefenlauf hinter die Abwehrkette und wird von Dembélé mit einem Schnittstellenpass angespielt.

    3. Torres legt den Ball quer auf Aubameyang, der aus kurzer Distanz ein Tor erzielt.

    1. Dest dribbelt aus der rechten Außenspur in Richtung Strafraum ...

    2. ... und passt zu Busquets, der den Ball mit dem ersten Kontakt auf Alba weiterleitet.

    3. Alba spielt einen Chipball in den Strafraum auf den startenden Dembélé, ...

    4. ... der den Ball auf den nachgerückten De Jong querlegt, der nur noch ins Tor einschieben muss.

Hohes Pressing

Unter Xavi verzeichnet der FC Barcelona in dieser Saison den niedrigsten PPDA-Wert ("Passes per defensive action") der Liga. Dem Gegner werden im Schnitt nur 6.82 Pässe erlaubt, bis es zu einer Defensivaktion kommt. Auch bei der absoluten Anzahl an Pressingaktionen liegt man ligaweit auf dem ersten Platz. Beide Werte sind erstmalig so gut und ein Indiz dafür, dass der Abgang von Lionel Messi zumindest im Spiel gegen den Ball durchaus neue Möglichkeiten eröffnet hat. Taktisch pressen die Katalanen im 4-4-2, wobei zumeist Pedri aus dem Mittelfeld in die Spitze stößt, um dort zusammen mit Aubameyang den Gegner hoch anzulaufen. Das Pressing ist sehr mannorientiert, wodurch Barca einen sehr hohen Druck ausübt, zuweilen jedoch Probleme in der Restverteidigung aufweist, wenn die erste Pressinglinie überspielt wird. 

    1. Mit dem Pass vom Innenverteidiger (IV) zum Torhüter startet Aubameyang das Pressing.

    2. Der IV bekommt den Ball vom Torwart zurück und wird von Pedris Pressing in die Außenspur gedrängt, ...

    3. ... wo er zum Außenverteidiger (AV) passt. Dieser wird sofort von Torres unter Druck gesetzt und muss den Ball mit dem ersten Kontakt weiterspielen.

    4. Mit dem Anspiel auf den linken Mittelfeldspieler (LM) und dem darauffolgenden Pressing von Busquets hat Barcelona nun eine gute Möglichkeit auf einen hohen Ballgewinn.

    1. Pedri und Aubameyang pressen den gegnerischen Torhüter. Dieser spielt einen Vertikalpass zum zentralen Mittelfeldspieler (ZM), der von De Jong nicht eng genug gedeckt wird und nach vorne andribbeln kann.

    2. Der ZM passt zum offensiven Mittelfeldspieler (OM), der ohne Druck in die rechte Außenspur dribbeln kann ...

    3. ... und dort den rechten Mittelfeldspieler (RM) in eine gefährliche 1-gegen-1-Situation bringt.

Ausblick

Xavi hatte die schwere Aufgabe, beim FC Barcelona einen langfristigen Umbruch einzuläuten, ohne dabei die kurzfristigen sportlichen Ziele aus den Augen zu verlieren. Um dieses Vorhaben erfolgreich zu gestalten, entschied man sich für eine interessante Mischung im Kader: Um den sehr jungen Kern um Spieler wie Gavi, Pedri, De Jong und Araujo zu unterstützen, kamen im Winter mit Aubameyang, Adama Traore und Vereinsikone Dani Alves drei erfahrene, gestandene Profis zu den Katalanen, die die Ergebnisse kurzfristig verbessern sollten. Das gelang zuletzt hervorragend: Mit neun Siegen aus den letzten zwölf Spielen, einem 4:0 Auswärtserfolg im Clásico gegen Real Madrid und dem Erreichen der nächsten Runde in der Europa League hat man zumindest die aktuelle Saison nochmal gerettet. Es wird interessant zu sehen sein, ob Xavi diesen Weg vorerst weitergehen wird oder ob die jüngsten Transfers lediglich als Übergangslösung fungierten und bereits im kommenden Sommer der eigentliche Umbruch stattfinden wird. 

Wir wollen immer wieder Ballbesitz im Angriffsdrittel. Wenn der Gegner uns hoch presst, ist es das Wichtigste, dass wir die Mittelfeldlinie schnell überspielen, um dann wieder in der gegnerischen Hälfte attackieren zu können.
Xavi HernándezTrainer vom FC Barcelona
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