Spielanalyse

Çağlar Söyüncü – Verteidiger aus Leidenschaft

Der türkische Nationalspieler hat bei Leicester City eine herausragende Entwicklung hinter sich. Was zeichnet ihn aus?

Innenverteidiger Çağlar Söyüncü im Zweikampf mit Angreifer Michail Antonio während des Premier League-Spiels Leicester City gegen West Ham United.
  1. Christopher Toetz

    Christopher Toetz, Redakteur der DFB-Trainerzeitschrift „Fußballtraining“, analysiert Qualitätsmerkmale im internationalen Fußball.

Trotz eines schwierigen ersten Jahres mit wenig Spielminuten hat sich Çağlar Söyüncü nach dem Abgang von Harry Maguire, der zum Ligarivalen Manchester United wechselte, umgehend in der Startelf etabliert und ist in der Abwehrkette von Leicester City kaum mehr wegzudenken. Dabei profitierte er vom Vertrauen des Cheftrainers Brendan Rodgers, der seine Qualitäten früh zu schätzen wusste. Das zahlte sich aus, denn der Innenverteidiger wurde am Ende der abgelaufenen Saison von der PFA – der Profifußballer-Gewerkschaft – in die Premier League-Elf des Jahres gewählt.

Aktives Verteidigen

Ein Aspekt von Söyüncüs Verteidigungsstil ist das Vorwärtsverteidigen. Hierbei versucht er stets, die Pässe aktiv zu attackieren, um den Gegner frühzeitig unter Druck zu setzen oder noch vor ihm am Ball zu sein. Dem Gegner soll so frühzeitig der Raum und die Zeit für die Beschleunigung des Angriffs genommen werden. Diese Art des Verteidigens erfordert eine hohe Lauf- und Sprintbereitschaft sowie Schnelligkeit in athletischer und Spielverständnis in taktischer Hinsicht. Anforderungen, die seinem Profil entsprechen. Doch gelegentlich stellt diese aktive und gierige Zweikampfführung auch ein Problem dar, weil er nicht immer sauber abgesichert wird. Das liegt zum Teil am eher reservierten Naturell seiner Nebenspieler.

    1. Der zentrale defensive Mittelfeldspieler (ZDM) passt zum zentralen offensiven Mittelfeldspieler (ZOM) in die rechte Halbspur.

    2. Mit dem Aufdrehen vom ZOM verkürzt Söyüncü bereits die Distanz zum Stürmer (ST), der sich für ein Zuspiel anbietet.

    3. Mit dem Pass vom ZOM erhöht Söyüncü sein Tempo, schiebt sich vor den ST ...

    4. ... und spitzelt den Ball mit einem langen Schritt zu Ünder, der das Spiel mit einem Rückpass fortsetzt.

    1. Nach einer Verlagerung verschiebt der gesamte Defensivverbund zur Ballseite. Dabei orientiert sich Söyüncü bereits zum Mittelstürmer (MS). Gleichzeitig setzt der äußere Mittelfeldspieler (AMF) das Spiel mit einem Dribbling fort.

    2. Anschließend passt der AMF zum MS in die Tiefe. Söyüncü nimmt die Situation wahr, rückt an ihn heran und übt sofort Druck aus.

    3. Bei der Annahme verspringt dem MS der Ball, woraufhin Söyüncü sofort in ein aktives Verteidigungsverhalten übergeht und am Gegenspieler vorbei nach vorne rückt.

    4. Dabei schiebt er seinen Körper im richtigen Moment zwischen Ball und Gegenspieler, erobert den Ball und setzt das Spiel mit einem Dribbling fort.

1 gegen 1

Doch auch in Situationen, in denen Söyüncü dem Angreifer frontal gegenübersteht, beeindruckt er mit einer sauberen Zweikampfführung. Ihm gelingt es oftmals, das Tempo des Angreifers zu drosseln und den Gegner aus dem Zentrum zu lenken. Ergibt sich eine Möglichkeit, den Ball zu erobern, geht er von der bloßen Torsicherung in ein aktives, auf Ballgewinne ausgerichtetes Abwehrverhalten über. Hierbei überzeugt der ehemalige Freiburger durch seine Positionierung, seine Antrittsgeschwindigkeit und sein generelles Bewegungsgeschick.

    1. Der gegnerische Außenverteidiger (AV) passt entlang der Seitenlinie zum Stürmer (ST), der in die Tiefe läuft.

    2. Der ST erläuft das Zuspiel und dribbelt auf Söyüncü zu, der eine Position zwischen Tor und Gegenspieler einnimmt.

    3. Der ST sucht das 1 gegen 1 und erhöht den Druck auf Söyüncü. Dieser hält jedoch den passenden Abstand und bietet den Weg nach außen an, den der ST auch einschlägt.

    4. Söyüncü nimmt den Laufweg rechtzeitig auf und hält dabei weiterhin den passenden Abstand zum Gegner. In dem Moment, wo der ST das Tempo nochmals erhöht, rückt Söyüncü an ihn heran ...

    5. ... und erobert den Ball. Anschließend setzt er das Spiel mit einem Pass in die Tiefe fort.

    1. Der zentrale offensive Mittelfeldspieler (ZOM) erhält freistehend den Ball, woraufhin der ballferne äußere Mittelfeldspieler (AMF) in die Tiefe läuft. Söyüncü nimmt die Situation wahr und läuft ebenfalls zum Tor. Der ZOM spielt zum ballnahen AMF, ...

    2. ... der mit dem ersten Kontakt in den Raum hinter die Abwehrkette passt.

    3. Der AMF erläuft das Zuspiel und sucht das 1 gegen 1 gegen Söyüncü. Dieser nimmt das Tempo auf, hält den passenden Abstand ...

    4. ... und lenkt den Gegner nach außen. Der Angreifer versucht, an Söyüncü vorbeizukommen, doch dieser hält sein Tempo und den Abstand zum Gegenspieler.

    5. Im Strafraum sucht der AMF den Abschluss. Söyüncü ist jedoch aufgrund seiner guten Positionierung dazu in der Lage, den Schuss kontrolliert zu blocken.

Mentalität und Physis

Als Grundlage für diese Art des Verteidigens verfügt Söyüncü über die passenden Eigenschaften, die für den Erfolg unabdingbar sind. So überzeugt er mit einer hohen Intensität und einer positiven Grundaggressivität. Generell verteidigt er mit großer Leidenschaft und Robustheit, was ihn für jeden Angreifer zu einem unangenehmen Gegenspieler macht.

Söyüncü verfügt über einen schnellen Antritt, den er auch in eine hohe Geschwindigkeit umsetzen kann. Besonders beeindruckt jedoch die Fähigkeit, schnelle Richtungswechsel vorzunehmen. Seien es Drehungen in verschiedene Richtungen oder Start-Stop-Bewegungen. Er kann sowohl das Tempo des Gegners aufnehmen, als auch etwaige Finten mitgehen, ohne sich dabei aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.

Demgegenüber verfügt der Türke mit einer Körpergröße von 1,85 Meter nicht gerade über das Gardemaß eines Innenverteidigers. In Kopfballduellen gleicht er dies jedoch mit dem passenden Timing und dem nötigen Geschick aus. So gelingt es ihm immer wieder, seinen Körper vor den des Gegenspielers zu bringen und dadurch den Zweikampf zu gewinnen. Doch insgesamt ist er in der Luft weitaus weniger dominant als auf dem Boden.

Defensivspezialist

Çağlar Söyüncü ist ein Innenverteidiger, der im direkten Zweikampf schwer zu bezwingen ist. Dabei verfügt er nicht nur über die nötige individualtaktische Qualität und die passende Physis, sondern auch über eine leidenschaftliche „Krieger-Mentalität“, die sein defensives Profil erst abrundet. Auch in der Offensive weiß er mit einem stabilen Spielaufbau zu überzeugen, insbesondere wenn er mit langen Pässen eröffnet. Hier hat er jedoch ein weitaus größeres Entwicklungspotential als in der Defensive.

Schon nach der ersten Trainingseinheit war mir klar, welch guter Spieler er ist.
Brendan Rodgers, Cheftrainer Leicester City